Rituale, Zeremonien, Kulte – die religiöse Aufwertung

- zu Taufe, Kommunion, Konfirmation, Hochzeit und Beerdigungen -

Auch wer den Verstand des Menschen hoch schätzt, sollte nie die Gefühle der Menschen außer Acht lassen. Gerade bei einschneidenden und bedeutenden Änderungen im Leben eines Menschen ist die Sehnsucht nach einer angemessenen Umsetzung der damit verbundenen Gefühle besonders groß. Die Menschen haben in diesen Momenten das Verlangen nach Unterstützung, Einbindung und Heraushebung. Dafür bedarf es dann eines würdigen Rahmens – und hier ist nach wie vor eine kirchliche Domäne und Bastion, die gerade religionskritische und/oder kirchenkritische Menschen oft unterschätzen. Sie unterschätzen sie deshalb, weil ein Religions- oder Kirchengegner auf die Überzeugungskraft seiner Argumente setzt, aber eben nicht sieht, dass gerade in diesen lebensprägenden Momenten das Verlangen nach „Erhöhung/Weihung“ gefühlsmäßig übermächtig werden können. Wenn nicht bei den Betroffenen selbst, so kommt oft die „Umgebung“ hinzu, mit der man sich nicht auseinandersetzen kann oder will. Auch hier ist Anpassung dann die vermeintlich bessere Wahl – zumal wenn es an gleichwertigen Alternativen fehlt. So heiratet dann eben auch der vollkommen unreligiöse Mann „kirchlich“, lässt sich die Verstorbene, die in den letzten Jahrzehnten nicht mehr in einer Kirche war und auch nie an einen Gott geglaubt hat, „kirchlich“ beerdigen. Bevor man sich darüber Gedanken macht, ob und warum das so ist, muss man erst einmal diese psychologische Faktoren ins Bewusstsein gerufen haben. So lange die Kirchen an diesen Stellen für „unentbehrlich“ gehalten werden, wird sich jeder Aktionismus gegen die Kirchen und gegen Religion schwer tun. Nichts fürchten die Menschen mehr als wenn sie „alleine“ sind. Deshalb fällt es auch jedem schwer „auszutreten“, gerade wenn er keine Alternative sieht. Wer auf Feierlichkeiten in diesem Zusammenhang nicht verzichten zu können glaubt, wird deshalb kaum einen Kirchenaustritt mit einem Beitritt zum Bund der Atheisten ausgleichen können. Und jeder weiß das. Und aus diesen Gründen tritt man dann auch nicht aus. Zumindest die eigene Beerdigung hat jeder – oft genug auch nur verdrängt – in seinem Unterbewusstsein.

Was deshalb im Zusammenhang mit Religionen und der Kritik an ihren Inhalten und/oder Praxis immer wieder unterschätzt wird, ist die Faszination von Ritualen und Zeremonien. Nicht der Betroffene selbst trägt die Verantwortung für die Feierlichkeit, sondern das übernimmt dann die Kirche für ihn – und festigt damit ihre Position. Der Mensch ist nicht und vermutlich nicht einmal vorrangig verstandes- oder vernunftorientiert, sondern stets auch oder wesentlich von seinen Gefühlen und den Wertschätzungen anderer abhängig. Die Teilnahme und ggf. deren Wertschätzung durch Zeremonien, Ritualen und Riten wird in der Folge mit der Wahrheit und Stimmigkeit der in diesem Zusammenhang mit vermittelten Botschaften verwechselt bzw. eine denkbare Diskrepanz erst gar nicht aufgedeckt bzw. schweigend verdeckt. Das gilt für jeglichen immer noch weitgehend religiös geprägten Rahmen. Wie stark ist der Wunsch, z.B. eine Hochzeit „kirchlich“ auszurichten, für wie trostlos wird es in weiten Kreisen ohne Kenntnis von Alternativen immer noch gehalten, wenn eine Beerdigung „ohne Pfarrer/Priester“ vorgenommen wird? Und ist nicht auch eine Taufe eine wünschenswerte Bestätigung und Wertschätzung für ein neues Leben „in der Gemeinschaft“? Gleiches gilt für Kommunion oder Konfirmation. Wenn der Mensch mit seinen Gefühlen angesprochen ist, möchte er diese auch in einer Gemeinschaft und mit Gefühlen gestalten. Allerdings verdient der Zusammenhang dennoch eine Bewusstmachung.

Wenn man diesen Sehnsüchten und Erwartungen auf den Grund geht, wird man zweierlei feststellen dürfen.
Erstens: Es ist eben ein durchaus legitimes menschliches Anliegen, sein Leben an markanten Punkten hervorheben und seine Bedeutung für sich und andere durch besondere Akte unterstreichen zu wollen. Der Mensch ist schließlich ein soziales Wesen, so dass seine Beziehungen und seine Lebenseinstellung sich maßgeblich über die Kontakte und Einbindung in das gesellschaftliche Dasein definieren. Unter diesem Aspekt ist demzufolge auch nichts auszusetzen oder zu kritisieren, da dieses Verhalten somit „zutiefst menschlich“ ist.

Doch zu zweitens:
Es kommt bei diesen Ritualen, Riten und Zeremonien jedoch in aller Regel nicht nur auf deren Inhalt und Botschaft an. Allein die „Feierlichkeit“ und die Besonderheit, das Herausheben aus dem Alltäglichen signalisiert die Verbindung zur Gemeinschaft. Viele Brautpaare ließen sich vermutlich auch mit vollkommen anderen Riten und Zeremonien trauen, wenn diese denn zur Verfügung stünden und allgemein anerkannt oder zumindest geduldet würden. Auch eine Hochzeit nach buddhistischen Gepflogenheiten, einer ganz anderen Religion oder nach einem ganz anderen Verhaltenskodex würde in vielen Fällen akzeptiert, wenn er nur die Herausgehobenheit des Ereignisses und auch die gesellschaftliche Akzeptanz in gleicher Weise sicherstellen könnte. In vielen Fällen kommt es alleine darauf an, dass der Anlass „feierlich“, „besonders“ und „einfach schön“ begangen wird und werden kann.

Zwischen Hochzeiten und den anderen „freudigen Anlässen“ einerseits und Beerdigungen andererseits gibt es in diesem Zusammenhang immer noch einen beachtlichen Unterschied, an dem sich in Ansätzen jedoch schon in unserer heutigen Zeit die tatsächliche Wertschätzung „christlicher Zeremonien“ ablesen lässt. Die Traditionen wanken. Während z.B. bei einer Hochzeit naturgemäß die Freude, die Hoffnung und allgemein „das Schöne“ im Vordergrund steht, sieht es bei einer Beerdigung naturgemäß ganz anders aus. Der Anlass, über die bei diesen Feierlichkeiten immer mit verbreiteten Botschaften nachzudenken, fällt deshalb unterschiedlich aus. Bei einer Hochzeit wird man dem Vertrauten immer noch mehr entsprechen wollen, zumal es auch tatsächlich an Alternativen fehlt. Egal wie man selbst die dabei zwangsläufig mit vermittelte christliche Botschaft beurteilt, die Zukunft und damit auch die Veränderbarkeit und Interpretation des neuen Lebensabschnitts überdeckt vielleicht aufkeimende Fragen und Zweifel. Warum also nicht kirchlich heiraten, Trauzeuge oder Taufpate sein oder an dieser Taufe oder Trauung teilnehmen? Die Kirchen freut es, wenn sie nach wie vor auf diesem Sektor keine Konkurrenz haben und für sie eben die Hoffnung erhalten bleibt, ein Brautpaar und die Hochzeitsgäste oder Eltern und Verwandte wieder oder weiterhin an sich zu binden. Die verbalen Botschaften, die zu vermitteln sind, werden bei distanzierter Betrachtung auch nicht dermaßen problematisch, dass ein Andersdenkender z.B. entrüstet aufstehen und die Zeremonie verlassen müsste. Wohl und Freude, Wünsche und Hoffnung dürften kaum toleranten Menschen veranlassen, nunmehr eine ernsthafte Auseinandersetzung zu suchen. Die Hinnahme unglaubhafter Botschaften und Aussagen wird an dieser Stelle von vielen deshalb leicht bzw. eher „verschmerzt“.

Bei einer Beerdigung sieht es dagegen ganz anders aus. Da ist nichts mehr für das Leben zu hoffen. Da ist zu bilanzieren und da ist nach gläubiger Darlegung eine Perspektive über das irdische Dasein hinaus zu entwerfen. Da bekommen die Worte und auch die Botschaft auf einmal ein ganz anderes Gewicht. Hier wird in der Gemeinschaft zu letzten mal und damit öffentlich gesagt, was da für ein Mensch gestorben ist, wie sich sein Leben entwickelt und wie er oder sie sich den Mühsalen, Schicksalsschlägen, aber auch den Momenten der Freude gestellt und was er daraus als sein „Nachlass“ für die Weiterlebenden letztendlich bleibt. Und da kann es dann durchaus kritisch werden mit den Botschaften, die in christlichem Sinne übermittelt werden. Da kann und wird es immer wieder Situationen geben, wo die Zuhörer eben nichts mit dem „unerforschlichen Ratschluss Gottes“ etwas anzufangen wissen, wenn z.B. ein junger Mensch zu Tode gekommen ist. Da kann es dann kritisch werden, wenn von Wiederauferstehung oder Eingehen in ein Gottesreich gesprochen wird. Die „frohe Botschaft“ kann sich so auch in eine bittere, bezweifelte und verzweifelnde Vertröstung und für einen Atheisten gar in eine absurde Zumutung verwandeln. Das Sprechen über etwas, was niemand selbst erlebt und niemand je bezeugen kann, kann für den einen noch tröstend für andere aber nur anmaßend und abstoßend wirken. Es wundert also nicht, dass an dieser „ernsten Stelle“ mehr nachgedacht und anders gehandelt und „gedacht“ (im doppelten Sinne des Wortes) wird. Inzwischen finden deshalb auch viele Beerdigungen ohne christliche Deutungsbotschaften statt. Die Hinterbliebenen wollen sich mit dem auseinandersetzen, was sie gerade erleben – Trauer, Abschied und Verlust – und keine imaginären Visionen über ein außerirdisches Weiterleben, über einen „göttlichen Erlösungstod“ von dem sie oder der oder die Verstorbene in ihrem ganzen Leben nichts mitbekommen hat. Sie wollen vielleicht auch nicht länger nur Staffage für eine ideologische Botschaft sein. Und diejenigen, die da immer noch das glauben, was christlich interpretiert wird, sollte sich wirklich einmal fragen, wie es um Nachweise dafür aussieht oder was denn anders geworden wäre, wenn man sich diese ominöse höhere Instanz einfach einmal nicht „hinzudenkt“, sondern aus allem Leben wegdenkt. Was hat sich denn auf das gesamte Leben hin gesehen, an „Göttlichem“ in diesem ihrem/seinen Leben denn überhaupt ereignet oder was wäre irgendwie anders geworden oder wo hat die glaubende Fantasie und die Kirchenzugehörigkeit wirklich geholfen?

Inzwischen gibt es auch Zeremonien, die einer aufgeklärten Sichtweise über Leben und Tod, den gewünschten und wichtigen feierlichen und gesellschaftlichen Rahmen geben. Es wird oft direkt als „Erlösung“ empfunden, wenn der oder die Verstorbene als Mensch gewürdigt und letztmalig gesellschaftlich eine Rolle spielt und der Tod nicht als „Beiwerk“ eines angeblich viel größeren, aber nicht nachvollziehbaren Werkes gepriesen wird.

Die Menschen brauchen Rituale und Zeremonien um ihr soziales Gefüge zu stabilisieren und sich „als Menschen“ zu fühlen. Es wird sicherlich noch einige Zeit dauern, aber die bislang kirchlich monopolisierten Rituale und Zeremonien in dem Maße an Bedeutung verlieren und andere Formen und „ideologiefreien“ Zeremonien sich etablieren werden. Je öfter Alternativen wahrgenommen werden, umso stärker wird das Verlangen werden, auch eine „passende“ Zeremonie oder „passende“ Rituale zu finden. Die Kirchen monopolisierten lange Zeit „ihre“ Friedhöfe, sperrten sich lange gegen Feuerbestattungen, wehrten sich auch anfangs gegen „Friedwälder“ oder anonyme Bestattungen. Aber  sie haben gemerkt, dass es in unserer Zeit auch für sie „ernst“ wird, wenn sie sich den ernsten Interessen der Menschen entgegenstellen. Wenn man sich die Anzahl der „Nicht-Gläubigen“ vor Augen führt, fragt man sich schon, warum immer wieder bzw. immer noch in diesem Umfang überhaupt an „kirchlichen Zeremonien“ festgehalten wird. Mit dem Leben des oder der in diesem Feiern oder Gedenken Herausgestellten hat dies nur in den wenigsten Fällen tatsächlich etwas zu tun. Der Pfarrer kannte den Verstorbenen in aller Regel nicht einmal. Deutlicher kann man einen Abstand nicht markieren. Kein Mensch tut sich und seinem Selbstverständnis einen Gefallen, wenn er in diesen Momenten sich anders gibt als er/sie ist oder um anderer Willen sich in diesen Zeremonien und Ritualen unterwirft. Dass Rituale und Zeremonien zur eigenen Lebensgestaltung und dem eigenen Lebensverständnis gehören und immer zu Menschen gehören sollen und müssen, ist schön und wichtig. Sie sollten aber immer ein Spiegelbild des Lebens und nicht der Anpassung, Verleugnung oder Verdrängung sein. Letztlich ist es immer sein/ihr Leben, das „feierlich“ gestaltet wird. Und in welcher Gestalt das Leben geführt und diesem gedacht oder dies gewürdigt wird, sollte noch immer jeder Mensch selbst entscheiden. Die Verantwortung, wie jemand sein Leben „präsentiert“, kann und darf ihm niemand abnehmen. Jeder muss wissen, was er für geboten hält und wo er sich womöglich selbst verrät. Seiner eigenen Lebensauffassung sollte man auch im Äußeren gerecht werden. Welchen Wert hat es denn tatsächlich, sich zu beugen oder sich zu verleugnen? Gerade wenn man diese Ereignisse als bedeutend empfindet, ist es um so befremdlicher, wenn sie nicht dem entsprechen, was ein Mensch denkt oder sein Leben lang gedacht hat. Man kann ihn ggf. in seiner Abhängigkeit bedauern und kann nur Nachsicht üben.

Roland Weber