Der Prozess Jesu – die unheilvollste aller Geschichten

Wer sich mit dem Christentum und seinem persönlichen Glauben beschäftigt, hat im Grunde drei grundsätzliche Optionen zu denen er/sie sich bekennen bzw. durchringen kann:

1. Es gab einen Religionsgründer Jesus, der vor rund 2000 Jahren als Gottes Sohn auf der Erde „wandelte“ und seine Botschaft mit „erlösendem Inhalt“ bis heute für uns verkündete. Alles, was seitens der Kirche darüber gelehrt wird, ist zutreffend.

2. Es gab zwar einen Religionsgründer Jesus, aber vieles wurde verfälscht und/oder ist nicht mehr nachvollziehbar. Der „Kern“ dieses Glaubens ist aber zutreffend.

3. Es gab nie einen Jesus. Die Evangelien sind erfundene Biografien nach verschiedenen Mustern (aus jüdischen Geschichte, der Thora; rabbinische Tradition; griechische und asiatische Religionen bzw. Philosophien).

Für Katholiken ist nur „1.“ zutreffend – alles andere wäre Häresie und wurde sofortigen Ausschluss und Verdammung, sprich Hölle nach dem Tod, bedeuten.
Für evangelische und viele andere Christen kommt natürlich Option „1.“, aber dann insbesondere die Option „2.“ zu Geltung.
Atheisten werden sich zwangsläufig der Option „3.“ zuordnen. Ob dabei ein unglaubhafter Zusammenhang oder die generelle Unglaubhaftigkeit (!) als Ausgangspunkt zu sehen sind, sei dahingestellt.

Interessant ist für einen religiös/theologisch Interessierten die Option „2.“. Dahinter verbirgt sich wahrlich Unfassbares – sowohl nach Quantität als auch nach Qualität. Es ist deshalb für diesen interessierten Personenkreis interessant (Doppelung beabsichtigt), sich einmal die einzelnen Bausteine anzusehen. Es gibt viele sehr gute Bücher, die belegen, was überhaupt hätte gesagt worden sein können, oder was auf gar keinen Fall von einem Religionsgründer in diesem Zusammenhang und mit seiner „Logik“ hätte gesagt werden können. Auch zahllose Widersprüche sollten schließlich bedenklich stimmen. Für Menschen, die sich nach ihrem Verstand richten, allemal genug. Aber wie schon von anderen erkannt: Wer nicht durch Verstand, Vernunft und Logik zu seiner Lebenseinstellung und Religion gekommen ist, sondern schlichtweg nur durch eine frühkindliche Indoktrination und Sozialisation, der wird sich auch nicht durch Verstand, Vernunft und Logik vom seinem Glauben abbringen lassen. Jedenfalls dann nicht, wenn die Indoktrination „gründlich“ und damit persönlichkeitsbildend werden konnte.

Wer aber Spaß an Logik, Wissen, Geschichte, Allgemeinbildung („Religion“ sollte aufgrund ihrer „Wirksamkeit“ schon dazu gehören!) Kombinationen, Plausibilitäts- und Wahrheitsnachweisen hat, kurz: wer einmal sein Wissen auf den Prüfstand stellen möchte, der kann sich auch einmal einen Aspekt genauer ansehen. Und genau so einen vermeintlich „unreligiösen“ Aspekt nimmt sich Chaim Cohn mit seinem Buch „Der Prozess und Tod Jesu aus jüdischer Sicht“ vor.

Wer z.B. Spaß an Krimis hat und dabei versucht, durch seinen Verstand und seine Schlussfolgerungen frühzeitig hinter die Person des Täters oder des Motivs zu kommen, der/die kommt hier voll auf ihre Kosten. Es werden einem mehr als einmal drastisch die Augen geöffnet, dass das bisher so Vertraute und Geglaubte, welches als wahr oder als unerheblich Unterstellte sich auf einmal als höchst bedeutsam und höchst schlüssig – wenn auch genau in einem ganz anderen Sinne – darbietet. Da das Buch sehr flüssig und informativ geschrieben ist, macht allein schon das Lesen Spaß – wenn man das Thema mal nicht von vorneherein dogmatisch verkniffen sieht. Die Zusammenhänge werden auf einmal klar. Klar wird auch, was theologisch gewollt war. Und klar werden vor allem die unsäglichen Widersprüche, die insbesondere zwischen den Synoptikern (Verfasser des Markus-, Lukas- und Matthäus-Evangeliums) und dem Verfasser des Johannes-Evangeliums bestehen. „Warum“ - diese Fragen werden immer wieder mit viel Sachkunde und Kombinationsvermögen verbunden. Was wird aus der Option „2.“, wenn man mit eigenem Verstand anhand der gelieferten Fakten und Darstellungen zur Schlussfolgerung gelangt, dass da angefangen mit einer Verhaftung, einem „Verrat“ durch einen Judas, um den Prozess selbst und seinen Ausgang so gut wie nichts stimmen kann?

In den Evangelien ging es um „Reinwaschung“ der Römer und deshalb insbesondere des Pilatus, weil man ja schließlich „Römer“ zum Christentum bekehren und im römischen Reich missionieren wollte. Im Gegenzug musste man zwangsläufig „zur Sinnfindung dieser Geschichte“ dann jemanden anders und dann eben naheliegend die politisch verhassten Juden belasten – mit katastrophalen Folgen, wie wir heute wissen. Aber immer noch wollen die meisten Menschen erst gar nicht wissen oder bedenken, dass der Antisemitismus/Antijudaismus aufgrund der nach dem Untergang des Tempels und Judäas im Jahre 70 von einer jüdischen Sekte in einer religiösen Abspaltung vom Judentum „verarbeitet“ wurde - und der literarisch geförderte Judenhass eben nicht von „Adolf Hitler und den Nazis“ erfunden worden ist. Noch heute tun sich die Kirchen übrigens schwer damit, dieses „Erbe“ anzuerkennen. Ihre Entschuldigungen sind halbherzig und auch mit dem Judenhasser Luther wird man in seinem Feierjahr nur „wohlwollend“ umgehen. Man lasse sich dabei nicht durch sonntägliche Versöhnungsbotschaften zwischen Christen und Juden täuschen. Diese sind nur für die Öffentlichkeit. Wer es nicht glauben will, der lese z.B. „wie“ sich die christlichen Kirchen bisher bei den Juden „entschuldigt“ haben. An der Wahrheit oder am ethisch zu fordernden Eingeständnis sind sie noch lange nicht angekommen.

Zitat des Autors am Ende seines Buches:

„Ich wage zu behaupten, das die Berichterstatter selbst, die schließlich in erster Linie um die Verbreitung ihres Glaubens willen schrieben, sich niemals hätten vorstellen können, welche unermesslichen, unsagbaren Leiden sie durch ihre fiktiven Berichte heraufbeschworen.“

Wer sich also einmal Gewissheit verschaffen will, warum der Prozess gegen Jesus so und auf diese Weise überhaupt nicht stattgefunden haben kann, weil

  • es schon einmal überhaupt keinen Brauch – weder nach jüdischem noch römischen Recht –  gegeben hat, einen Verurteilten „frei zu lassen“;
  • sich kein Statthalter vor dem Volk die Hände als „Unschuldsbezeugung“ gewaschen hätte;
  • kein Statthalter sich nach einer hysterischen Volksmeinung gerichtet hätte;
  • keine römische Patrouille auf Geheiß eines Hohepriesters auch nur einen Schritt gemacht hätte;
  • kein Sanhedrin (71 Mitglieder des Rates) nachts „getagt“ (!) hätte;
  • keine Ratsmitglieder zu einer Kreuzigung bzw. „Verspottung“ gegangen wären;
  • keine Geißelung vor einem Verhör stattgefunden hätte;
  • eine „Selbstverfluchung“, wie sie die Juden über sich ausgesprochen haben sollen und die zur „Rechtfertigung“ für jegliche Unterdrückung wurde, niemals ausgesprochen haben;
  • und vieles andere mehr,

der wird hier einen Baustein nach dem anderen wegbrechen sehen. Übrig bleibt die Verkündung einer „Auferstehung“ (darauf geht das Buch allerdings so wenig ein wie auf die Wunder oder die Botschaft dieses Jesus, oder das Entkommenlassen bzw. Flucht der Jünger etc.) und einer Kreuzigung, für die man absurderweise „die Juden“ zur Entlastung „der Römer“ verantwortlich macht.

Würde man nur einmal den Grundsatz: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auf die Evangelien anwenden, so hätten diese selbst bei Erhöhung der Zahl keinerlei Bestand mehr. Was allein als Entschuldigung angeführt werden kann, wäre, dass sie „gutgläubig“ gelogen haben. Nur: Wer etwas als „wahr“ ausgibt, aber weiß, dass er nichts darüber weiß, der lügt eben bewusst. Und wer keine Ahnung von römischen oder jüdischem Prozessrecht hat und dennoch über Abläufe „berichtet“, weiß, dass er dem Leser bzw. Hörer die Unwahrheit berichtet und irgendwelche Übereinstimmungen mit der Realität allenfalls Zufall wären.

Das einzige, was ich kritisch anmerken könnte, wäre, dass der Autor den Evangelisten immer noch „zu viel“ glaubt (z.B. dass ein Josef von Arimathäa sein Grab zur Verfügung gestellt hätte!). Aber andere wird der Autor ja zu Recht an dieser Stelle „abholen“.

Sämtliche Verfasser der Evangelien waren schließlich definitiv keine Zeugen und schrieben „nach Paulus“ und dann „nach Markus“. Sie schrieben außerhalb Palästinas und aufgrund der bereits kursierenden Gerüchte. Johannes verschärft nach 100 ganz bewusst und mit verstärkter Tendenz „den Ton“. Paulus glaubte um 50 herum, die Juden noch insgesamt für seine Glaubensbotschaft mitnehmen zu können, wenn er denn erst einmal „unter Heiden“ erfolgreich wäre. Das war nach 100 gänzlich vorbei. Nach meiner Meinung lügen (ggf. „gutgläubig“) die Verfasser ja noch viel schlimmer – oder haben jedenfalls von der Historie keine Ahnung – wenn man die gesamte Geschichte nicht ohnehin als rundherum erfunden ansieht. Aber für diejenigen, die in den Evangelien viel oder nur Wahres entdecken (vgl. oben „1.“ und „2.“) dürfte das Buch sehr spannend werden. Zum empfehlen ist die Lektüre allemal – und wenn sie ausschließlich dazu dient, die eigenen „kleinen grauen Zellen“ in Betrieb zu nehmen.

Irgendwelches juristisches Wissen oder sonstiges Vorwissen ist nicht erforderlich. Erforderlich ist nur, sein eigenes Gehirn beim darbieten einer oder mehrerer durchaus verständlicher Varianten zu einer Entscheidungs- und Einschätzung bemühen zu wollen. Stoff wird dafür genug geboten! „Gläubige“, die dieses Buch nicht kennen, würden jedenfalls in einer Diskussion mit einer/einem Leser/in dann doch wohl „sehr alt“, um nicht zu sagen „antik“ aussehen.


Chaim Cohn, Der Prozess und Tod Jesu aus jüdischer Sicht, Insel Taschenbuch, ISBN 3-458-34430-5, (nur noch antiquarisch u.a. bei Amazon ab 10 €)

 

Roland Weber