Luthers Gedenken

Die Banalisierung der Geschichte

(28.10.2016)

Der Mannheimer Morgen widmet sich auf S.3 v. 28. Oktober 2016 ganzseitig dem Reformator Luther. Wie tendenziös der Umgang mit Geschichte ist, lässt sich gerade am Beispiel „Luther“ und hier anhand der Überschriften eindrücklich darstellen. Sicherlich kann man Luther für die Vereinheitlichung der deutschen Sprache danken und auch sein Aufbegehren gegen eine korrumpierte und die Abergläubigkeit des Volkes ausnutzende Kirche begrüßen.

Aber dies alles wird schon fragwürdig, wenn man die geschichtlichen Rahmenbedingungen nicht in die Würdigung einbezieht. Hätten nicht die Türken das Heiligen Römische Reich und dessen Kaiser V. bedroht und wären die Konsequenzen aus Luthers Thesen für die deutschen Fürsten nicht derart verlockend gewesen, so wäre es vermutlich nicht zu dieser religiösen Trennung gekommen. Der Kaiser war durch die türkische Bedrohung geschwächt und die Fürsten forderten nicht zuletzt aus finanziellen Gründen ein Zurückdrängen der römisch-katholischen Ansprüche und eine unabhängigere Stellung gegenüber dem Kaiser. Diese Konflikte hatten mindestens genauso großen Einfluss, wie das Bekenntnis Luthers. Auch er und auch sein Beschützer, Friedrich der Weise, mit seinen unzähligen Reliquien waren selbst im Aberglauben dieser Zeit verfangen. Dies sollte man bedenken, bevor man Luther allzu hoch auf einen Sockel stellt.

Mit unserem heutigen Verständnis gehört er allerdings überhaupt nicht auf einen Sockel. Luther schuf weder die Grundlagen für eine demokratischere Religionsausübung noch läutete er die Epoche des Gewissens ein (Überschriften). Schon seine Hinnahme der fürstlichen Ansprüche, dass einzig sie selbst über die Religion ihrer jeweiligen Untertanen bestimmen durften, belegt die tendenziös eingeschränkte Sicht auf Luther. Luther forderte Gehorsam und Unterordnung und gewiss keine Gewissensfreiheit. Dass Luther sich in krimineller Weise gegenüber Juden geäußert hat und so die bereits von der katholischen Kirche aufgebrachte Mär eines sündigen Volkes ins Extreme steigerte, ist der große Skandal.

Er war auch ein großer Volksverhetzer, wie sich jeder anhand seiner Aussprüche überzeugen kann. Und er war nicht ein Mensch seiner Zeit, sondern es war er und seiner Gefolgsleute Geist, die den Zeitgeist bestimmten. Aber nicht nur gegenüber Juden leistete er sich unverzeihliche Hetzen, sondern auch gegenüber Frauen zeigte er eine mitleidlose und menschenverachtende Einstellung, in dem er kundtat, dass es z.B. nicht schade, wenn eine Frau bei der Geburt eines Kindes stirbt. Genauso den Zeitgeist prägend sind seine Hetzreden gegen aufständische Bauern, die durch seine Glaubensinterpretationen wähnten, zu mehr Rechten gelangen zu können. Man solle sie totschlagen, war sein Rezept in dieser Auseinandersetzung.

Wir Deutschen haben es nie verstanden, uns in die Situationen aufrührerischer und rebellierender Menschen hineinzudenken. Aber die Forderungen der Bauern waren derart harmlos, wenn man sie mit heutigen Ansprüchen vergleicht (z.B. selbst einen Pfarrer wählen zu dürfen), dass das brutale Zurückschlagen und die weitere Eskalation in den Bauernkriegen durchaus auch einem Luther anzulasten sind.

Es ist zu begrüßen, dass zwischen Protestanten und Katholiken durch die Aufklärung der Humanisten heute ein friedliches Einvernehmen herrscht, aber es stellt eine Verhöhnung all der Opfer in Kriegen und auf Scheiterhaufen dar, wenn man heute auf kirchlicher Seite dazu übergeht Luther gemeinsam zu feiern. Luther und der Papst haben sich gegenseitig auf Ewigkeit verdammt und die jeweiligen Anhänger sollten sich nicht leichtfertig über diese Bannflüche ihrer jeweiligen Repräsentanten hinweg mogeln wollen.

Und so wird wohl das ganze Jahre 2017 in Scheinheiligkeit, Ignoranz und klerikaler Selbstbeweihräucherung als Luther-Jahr zelebriert werden. Es geht hier nicht darum, einen großen Deutschen niedermachen zu wollen, sondern das Wissen und die Tatsachen zurecht zu rücken. Die Denkmäler all der Großen, die in unseren Städten herumstehen, sollen ruhig stehen bleiben, aber man sollte sich bei ihrem Anblick auch deren Wirken und ihrem Einfluss mit dem Mut zur Wahrheit nähern. Einen Luther kann man nicht feiern, man kann ihm allenfalls gedenken.

Roland Weber