Von Kamelen und Silberlingen

Oft werden ja in der Diskussion um religiöse Wahrheiten „dicke Bretter“ gebohrt (insbes. etwa bei Küng oder Ratzinger) – und sei es nur, um am Ende aller Verwirrungen feststellen zu können, „dass alles sehr schwierig und sehr differenziert und aller Vernunft entzogen“ sei. Und somit dann alles bei der bisherigen Sichtweise verbleiben könne, da der „Gegenbeweis“ nicht überzeugend gelungen und ja alles letztendlich „unergründlich“ sei.

Es geht auch anders.
Wer ins Alte Testament blickt, wird da auf die Geschichte stoßen, dass für Isaak eine Braut herbeigeschafft werden sollte (Genesis, Kap.24) – mittels „Kamelen“. Nach der offiziellen Glaubenslehre sollte dies so etwa 1500 bis 2000 vor der neuen Zeitrechnung geschehen sein. Und alles Biblische ist ja immer „historisch“. Aber schon immer haben viele Historiker vermutet, dass die Geschichten entweder sowieso ganz erfunden oder eben und auch viel jünger sind. Schließlich wurde auch am „Alten Testament“/der Thora noch bis ca. 200 Jahren nach Beginn der christlichen Zeitrechnung noch „herumgebastelt“! Jetzt stellt sich aufgrund wissenschaftlicher Forschung heraus, dass es zu dieser angeblichen Zeit noch gar keine domestizierten Kamele als Transporttiere in Palästina/Judäa gegeben hat (vgl. Süddeutsche Zeitung v. 12.2.14, S.18). Diese Tiere kamen frühestens erst rund 500 bis 1000 Jahre später nach Palästina. Damit steht schon mal allein aufgrund dieser Tatsache fest, dass die Berichte bzw. die zeitliche Zuordnung so überhaupt nicht stimmen können – von sonstigen theologischen Feinheiten mal ganz abgesehen.

Aber wenn wir schon bei den Kamelen sind. Zu angeblichen Lebenszeit Jesu waren sie dann tatsächlich im gesamten Vorderen Orient als Reit- und Lasttiere in Gebrauch bzw. den Menschen zumindest bekannt. Und wer kennt nicht den Spruch: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel kommt“? - Könnte Jesus natürlich deshalb so gesagt haben. Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass ein späterer Bearbeiter der Evangelien die sich ähnlich schreibenden Worte „Tau“ und „Kamel“ schlichtweg verwechselt und deshalb falsch übersetzt hat. Mit einem „Tau“ macht der Satz ja schließlich gerade unter schlicht gestrickten Fischern einen überzeugenden „Sinn“. Warum ein Jesus dagegen unter Fischern und Bauern, von einem „Kamel“ hätte sprechen sollten, erscheint aus Verständnis- und Bezugsgründen dagegen höchst fragwürdig. Er hatte ja keine Kaufleute vor sich. Man ist also gut aufgestellt, wenn man diesen Jesus nicht für einen Sprach- und Bilderhumoristen hält, der es mit diesem Spruch in die Top-Ten der Glaubensbotschaften geschafft hat, sondern in seiner Aussage nur einen naheliegenden Sinn sucht – auch hier von allen sonstigen theologischen Feinheiten mal ganz abgesehen.

Und wer kennt nicht die schändliche Tat, die man einem Judas zurechnen muss. „Für dreißig Silberlinge habe er den Herrn verraten“. Nun, von Silberlingen ist in der Tat die Rede – im Alten Testament. Und von dort kommen schließlich die Prophezeiungen, „die es zu erfüllen galt“. Dumm nur, dass es zur Zeit Jesu schon über 200 Jahre keine „Silberlinge“ in Palästina/Judäa mehr gab, sondern Schekel, Dinare und andere Währungen. Aber das konnten ja die Ur-Evangelisten von außerhalb Judäas nicht so genau wissen. Das ganze muss man deshalb so nehmen, wie wenn heute aufgrund der Schilderung eines Tankstellenpächters berichtet wird, bei einem Überfall hätten die Täter 700 Taler geraubt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendein Polizist diese Raubmeldung „für bare Münze nimmt“ und eine Fahndung ausschreibt. Näherliegender wäre es sicher, sich mal den Pächter vorzunehmen. Allerdings hinkt das Beispiel – so einen dämlichen Pächter vermag ich mir so auch nicht recht vorzustellen. Kurz: Ein Judas kann jedenfalls überhaupt keine „Silberlinge“ erhalten haben – auch hier von allen sonstigen theologischen Feinheiten mal ganz abgesehen.

So viel also mal zu diesen banalen und doch als gesicherten Fundus angesehenen „Glaubwürdigkeiten“.


Roland Weber