Der gesunde Menschenverstand von Pfarrer Jean Meslier: Laut seinem Testament

Voltaire, Jean Meslier

Einige Anmerkungen vorab:
Dieses Buch aus dem ich die folgenden Zitate entnommen habe, ist nach eigenen Angaben ein gescannter (!) Abdruck einer Übersetzung aus dem Jahr 1860 (!) und wurde damals von einem Samuel Ludovich im eigenen Verlag in Baltimor veröffentlicht. Weitere Angaben enthält das Buch über den – heutigen - Verlag nicht. Das Buch ist aber noch über Amazon zu finden (Stand:30.5.14): http://www.amazon.de/Gesunde-Menschenverstand-Pfarrer-Jean-Meslier/dp/1144182611/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1402144714&sr=8-1&keywords=Der+gesunde+Menschenverstand+von+Pfarrer+Jean+Meslier

Dieses „Testament“ wurde 1732 von einem Pfarrer geschrieben und durfte erst nach seinem Tode geöffnet werden und ist glücklicherweise – zumindest in wesentlichen Teilen - erhalten geblieben. Man muss sich diesen Abfassungszeitpunkt bewusst ins Gedächtnis rufen und bedenken, was danach noch alles – auch im Namen der Religion – noch kam und von dem Meslier nichts wissen konnte. Dass er seine Aufklärung bis zur Zeit nach seinem Tode verschoben hat, kann ihm in Anbetracht der damaligen und im wahrsten Sinne des Wortes lebensgefährlichen Umstände durch Verfolgung und Hinrichtung nicht vorgeworfen werden. Die Wahrheit seiner Worte bleibt davon ohnehin unberührt.

Es lässt sich diesem Werk nicht entnehmen, ob es sich um den gesamten oder den von Voltaire gekürzten Teil handelt. Aus anderer Quelle konnte ich entnehmen, dass Voltaire zwar - wie hier auch ersichtlich - der große Verdienst zum Erhalt dieses Testaments durch dessen Veröffentlichung zukommt, dass er aber als Deist wohl an einigen radikalen und jegliches göttliche Wesen aberkennenden Äußerungen doch Anstoß genommen und diese durch Weglassen somit „zensiert“ haben soll. Für mich ist nicht erkennbar, ob es sich hier um die vollständige oder doch gekürzte Ausgabe handelt. Die vorliegenden Aussagen sind jedoch so klar, umfangreich und verständlich, dass sich eine Wiedergabe zwingend lohnt – zumal die Äußerungen nichts von ihrer damaligen Aktualität eingebüßt haben. Das allgemeine Wissen und das Religionsverständnis von heute ist bereits wieder hinter diesen Erkenntnisstand zurückgefallen.

Heutzutage wird schon gar nicht mehr „die Frage nach Gott“ gestellt. Dieser wird ja geradezu als „gegeben“ vorausgesetzt, wenn man sich intensiv mit „Jesus“ und den ganzen Fantasierereien des Neuen Testaments auseinandersetzt. Das ist sicherlich ein spannendes Detektivspiel, an dem auch ich mich immer wieder begeistern kann. Zu Zeiten Mesliers war vieles überhaupt nicht erkannt und bekannt, was inzwischen die „Jesus-Forschung“ herausgefunden hat. Die Kritik am NT ist demzufolge auch nur kurz, aber genauso radikal, und erfolgt auch hier „aus dem gesunden Menschenverstand“. Gar nicht auszudenken, was ein Meslier mit dem Wissen von heute schreiben würde! So richtet sich sein Blick zwangsläufig auf Religion allgemein, diesen „Gott“, diese „Priesterkaste“ und zur Überzeugungskraft von Religionen. Es lohnt sich somit den Blick einmal zurückzulenken und sich ins Grundsätzliche hineinzudenken.

Die Frage nach Gott wollte ich ursprünglich bei der Bearbeitung dieses Themas ganz im Sinne von Karlheinz Deschner und anderen, „Ich kann weder beweisen, dass es einen Gott gibt, noch beweisen, dass es ihn nicht gibt“ offen halten. Doch da es unzählige Beweise gibt, dass jedenfalls das Christentum, so wie es dargeboten wird, eine reine Erfindung ist, derart überwältigend sind, ist diese Offenheit nicht mehr durchzuhalten. Zu einem derartigen agnostischen Standpunkt kann ich mich nach der Lektüre dieser „historischen Offenbarung“ nicht mehr entschließen. Gott selbst ist das Absurde. Und das sagt schon der gesunde Menschenverstand – und an diesen erinnert Meslier auch heute noch und erst recht wieder „zu recht“. Der Priester Meslier gesteht und entschuldigt sich, dass er Zeit seines Lebens seine Gemeinde mit Gottesdiensten u.ä. über das Wesen der Religion belogen habe. Das Werk stellt eine philosophische, aber gleichwohl gut zu lesende Abrechnung mit dem Gotteswahn und der Verlogenheit der Theologen und der Nutznießerschaft der Priesterkaste dar. Die Gedanken sind einfach, klar und folgerichtig und übertreffen dabei zudem auch noch viele neuzeitlichere Werke. Es gibt keinen Gott und die Priester sind nur Nutznießer dieser Erfindung. Dies zu erkennen ist möglich.


Zitate aus dem Buch :
(die Rechtschreibung habe ich dabei der Verständlichkeit halber heutiger Schreibweise angepasst):

Die ganze Religion ist ein Luftschloss und die Gottesgelehrtheit nichts anders als die Unkenntnis natürlicher in Systemen gebrachter Ursachen; eine lange Reihe von Chimären und Widersprüchen; bei allen Völkern und zu allen Zeiten gleich einem Roman. (S.18)

Bedarf es denn mehr als des gesunden Menschenverstandes, um zu begreifen, dass eine Wesen, das mit den evidentesten Begriffen in Widerspruch steht, dass eine Ursache, die fortwährend den Folgen widerspricht, welche man ihr zuschreibt, dass ein Wesen, von dem sich auch nicht ein Wort sagen lässt, ohne in Widersprüche zu verfallen, dass ein Wesen, so sehr uns das Rätsel des Alls nicht löst, sondern noch mehr verwirrt, ein Wesen, an das sich die Menschen seit so vielen Jahrhunderten vergebens wenden, um ihr Glück und das Ende ihrer Leiden zu erlangen; bedarf es mehr, sage ich als des einfachen gesunden Verstandes, um einzusehen, dass ein solches Wesen eine Idee ohne Form, und nichts anderes ist als das Gebilde der eigenen Fantasie? (S.22)

Es gibt eine Wissenschaft, welche sich bloß mit unbegreiflichen Dingen befasst. Im Gegensatz zu allen übrigen Wissenschaften beschäftigt sie sich ausschließlich mit dem, was nicht mit den Sinnen wahrgenommen werden kann. (S.27)

Ist aber Gott wirklich etwas Unbegreifliches, so ist es unstreitig das Vernünftigste, sich um ihm gar nicht zu kümmern; dennoch folgert die Religion, dass der Mensch sündige, wenn er nicht stets an ihn denke. (S.29)

Je absurder, je wunderbarer eine Religion, desto mehr Anspruch kann sie auf ihren Glauben machen. Der Devote glaubt seinem Glauben keine Schranken setzen zu dürfen; je unbegreiflicher die Dinge sind, desto göttlicher erscheinen sie ihm; je wunderbarer etwas erscheint, desto mehr Verdienst legt er sich bei, es zu glauben. (S.31)

Im Punkte der Religion sind die Menschen stets große Kinder. Je absurder, je wunderbarer eine Religion, desto mehr Anspruch kann sie auf ihren Glauben machen. Der Devote glaubt seinem Glauben keine Schranken setzen zu dürfen; je unbegreiflicher die Dinge sind, desto göttlicher erscheinen sie ihm; je wunderbarer ihm etwas erscheint, desto mehr Verdienst legt er sich bei, es zu glauben. (S.30)

Die Menschen glauben bloß auf das Wort jener an Gott, die von ihm ebenso wenig wissen wie sie selbst. Unsere Ammen sind unsere ersten Theologen; sie sprechen zu den Kindern von Gott, wie sie zu ihnen von Gespenstern sprechen; sie lehren sie, im zarten Alter, mechanisch die Hände falten; haben denn aber die Ammen klarere Begriffe von Gott als die Kinder, welche sie beten lehren?
Die Religion pflanzt sich von den Eltern auf die Kinder fort, wie das Vermögen der Familie mit seinen Belastungen. Nur sehr wenige Menschen hätten einen Gott, wenn man sich nicht die Mühe gegeben hätte, ihnen einen zu geben. Jeder Mensch empfängt seinen Gott von seinen Eltern und Lehrern; den Gott, den sie selbst von den ihrigen erhalten haben; doch jeder modifiziert ihn und schmückt ihn auf seine ihm eigentümliche Weise aus. (S.39)

Man versichert uns ernstlich, dass es keine Wirkung ohne Ursache gebe; man sagt es uns unzählige mal, dass sich die Welt nicht selbst erschaffen habe; doch das Universum ist eine Ursache und nicht die Wirkung; es ist kein Werk; es ist nicht gemacht, da es unmöglich ist, dass es jemand gemacht habe. Die Welt hat stets existiert; ihre Existenz ist eine Notwendigkeit. Sie ist eine Ursache an und für sich selbst. (S.42)

Alle Körper, ob organische oder unorganische, sind das notwendige Resultat gewisser Ursachen, welche die Wirkungen hervorbringen, die wir wahrnehmen. Nichts in der Natur kann durch Zufall entstehen; alles folgt festgesetzten Gesetzen und diese Gesetze sind nichts anderes als denn notwendige Verhältnisse gewisser Wirkungen mit ihren Ursachen. (S.47)

Es ist absurd zu sagen, der Mensch sei der Gegenstand und der Zweck der Schöpfung. Der Mensch bildet sich in seinem Stolze ein, ein Gott habe bei der Schöpfung sich bloß das menschliche Geschlecht zum Gegenstand und Zweck gemacht. Worauf stützt sich diese so schmeichelhafte Meinung? Darauf, sagt man, dass der Mensch das einzige mit Vernunft begabte Wesen sei, welche ihn zur Erkenntnis und zu würdigen Anbetung Gottes führt. Man versichert uns, dass Gott die Welt zu seiner eigenen Verherrlichung gemacht und den Menschen nach seinem Plan geschaffen habe, damit jemand sei, der seine Werke bewundere und verherrliche. Doch hat Gott nach diesem Plan nicht sichtbar seinen Zweck verfehlt? Der Mensch wird erstens, wie Ihr selbst sagt, nie im Stande sein Gott zu erkennen und er wird stets in gänzlicher Ungewissheit über seine göttliche Beschaffenheit bleiben. Zweitens: Ein Wesen, das seines Gleichen nicht hat, soll des Ruhmes fähig sein. Der Ruhm aber kann nur durch Vergleich unserer eigenen Vorzüge mit den Vorzügen anderer entstehen. Drittens: Wenn Gott, durch sich selbst, unendlich glückselig ist, wenn er sich selbst genügt, wozu braucht er dann die Anbetung seiner schwachen Geschöpfe? Viertens: Wird Gott, trotz aller seiner Werke, nicht verherrlicht; alle Religionen der Menschen zeigen vielmehr, dass er fortwährend beleidigt wird; sie alle haben keinen anderen Zweck, als den sündhaften, undankbaren und rebellischen Menschen mit seinem erzürnten Gott zu versöhnen. (S.51)

Die Logik des gesunden Menschenverstandes lehrt uns, dass man eine Ursache bloß nach ihren Folgen beurteilen darf und beurteilen soll. Eine Ursache kann nur dann beständig gut sein, wenn sie beständig gute, nützliche und angenehme Folgen hat. Eine Ursache, die Gutes und Böses hervorbringt, ist zugleich eine gute und eine schlechte Ursache. Doch die Theologie bemüht sich alles dieses zu verdrehen. (S.55)

Wenn Gott das Böse von der Erde weder entfernen konnte noch wollte, welche Ursache haben wir anzunehmen, das das Böse aus einer anderen Welt, dem Paradiese, verbannen zu können oder zu wollen, von der wir keine Idee (Vorstellung) haben? (S.58)

Die Zumutung, Gott könne durch die Handlungen der Menschen beleidigt werden, vernichtet alle Begriffe, welche man uns von diesem Wesen zu geben sich bemüht. Behaupten, dass der Mensch die Ordnung des Universums stören, den Blitz aus Händen Gottes hervorrufen und seine Entwürfe vereiteln könne, heißt die Menschen über Gott erheben, und ihn zum Schiedsrichter seines Willens machen, heißt behaupten, dass es vom Menschen abhänge, seine Güte in Grausamkeit zu verwandeln. Die Theologie zerstört fortwährend mit einer Hand, was sie mit der anderen aufgebaut hat. Wenn jede Religion auf einem Gott beruht, der zürnt und besänftigt werden kann, so beruht jede Religion auf einem handgreiflichen Widerspruch.
Alle Religionen stimmen in der Lobeserhebung der göttlichen Weisheit und Allmacht überein; aber sobald sie uns das Verfahren der Gottheit zeigten, finden wir nichts als Unklugheit, Mangel an Vorsicht, Schwäche und Torheit. Gott, sagt man, habe die Welt für sich selbst gemacht und bis jetzt ist es ihm noch nie gelungen, anständig honoriert zu werden. (S.67)

Wenn aber das beste Werk Gottes unvollkommen ist, wie können wir danach die Vollkommenheit Gottes beurteilen? Ein Werk, mit dem der Meister selbst so wenig zufrieden ist, kann ein solches Werk uns bewegen die Geschicklichkeit des Meisters zu bewundern? (S.68)

Wenn es sich um meine eigene Glückseligkeit handelt, wie Ihr vorgebt, sollte ich da nicht berechtigt sein, das Benehmen Gottes selbst zu prüfen? Die Menschen sollen ja bloß darum dem Reiche Gottes angehören, um die erhoffte Glückseligkeit zu erreichen. Ein Despot, dem sich die Menschen bloß aus Furcht zu unterwerfen hätten, ein Meister, den man nicht fragen darf, ein absolut unzugänglicher Monarch kann der Ehrenbezeugung vernünftiger Menschen nicht wert sein. Ist das Verfahren Gottes ein Geheimnis für mich, so ist es für mich nicht vorhanden. Der Mensch kann ein Verfahren, das für ihn unbegreiflich ist, weder verehren noch bewundern, weder achten noch nachahmen; ein Verfahren von dem er sich höchstens oft empörende Begriffe machen kann; außer man begehrte, dass wir alles verehren müssen, was man nicht versteht, und dass alles, was man nicht begreift, bewundert werden müsse. (S.74)

Hängt es vom Menschen ab, von diesen oder jenen Eltern geboren zu werden? Hängt es von ihm ab, die Meinung seiner Eltern und Lehrer anzunehmen oder nicht anzunehmen? Wäre ich von Götzendienern oder mohammedanischen Eltern geboren worden, hätte es da von mir abhängen können, Christ zu werden? (S.78)

Wenn man nur einigermaßen nachdenkt, muss man zur Erkenntnis kommen, dass der Mensch bei allen seinen Handlungen der Notwendigkeit unterworfen ist und seine freie Wahl, selbst nach dem System der Theologen, ein Hirngespinst ist. Hängt es vom Menschen ab, von diesen oder jenen Eltern geboren zu werden? Hängt es von ihm ab, die Meinungen seiner Eltern und Lehrer anzunehmen oder nicht anzunehmen? Wäre ich von Götzendienern oder mohammedanischen Eltern geboren worden, hätte es da von mir abhängen können, Christ zu werden? Die Geburt des Menschen hängt nicht von seiner Wahl ab; man hat ihn nicht gefragt, ob er zur Welt kommen wolle oder nicht. (S.78)

Die Wahrheit, die Erfahrung, die Reflexion, die Vernunft sind die geeigneten Mittel die Unwissenheit, die Torheit, den Fanatismus zu heilen. (S.82)

Du sprichst von deiner Seele? Aber weißt du denn auch, was eine Seele ist? Siehst du denn nicht, dass sie nichts anders als die Konzentration deiner Organe aus denen das Leben entsteht? Du brüstest dich mit intellektuellen Fähigkeiten, aber diese Fähigkeiten auf die du so stolz bist, machen sie dich auch glücklicher als andere Tiere? Machst du denn auch oft Gebrauch von dieser Vernunft, deren du dich rühmst und welche zu gebrauchen die Religion dir verbietet? (S.93)

Man will, dass die Seele ohne Hilfe dieses Körpers handle und fühle; mit einem Wort, man verlangt, dass sie auch ohne den Körper und seine Sinne leben, genießen, leiden, glücklich oder ewig unglücklich sein könne. Und auf diese absurden Mutmaßungen gründet man den wunderbaren Glauben an die Unsterblichkeit der Seele. (S.101)

Doch die Gesetzgeber, betrügerisch, hochmütig und verderbt, haben es überall weit leichter gefunden, die Völker durch Fabeln einzuschläfern, als sie Tugenden zu lehren, ihre Denkkraft zu entwickeln, sie durch sichtbare und wirkliche Motive zum Guten anzuregen und auch eine vernünftige Weise zu regieren. (S.105)

Man sagt mit ernster Miene, dass es nicht bewiesen ist, dass es keinen Gott gibt. Obschon nach allem was man bis jetzt noch von Gott gesagt, nichts mehr bewiesen ist, als dass Gott ein Hirngespinst, dessen Existenz gänzlich unmöglich und obschon nichts einleuchtender und deutlicher bewiesen ist, als dass ein Wesen unmöglich solch verschiedene und widersprechende Eigenschaften besitzen könne, wie jene welche alle Religionen der Erde der Gottheit zuschreiben. Oder ist der Gott der Theologen, sowohl wie der Gott der Theisten, nicht sichtbar einen mit den ihm beigelegten Wirkungen unvereinbare Ursache? Man möge die Sache auf irgend eine Weise betrachten, so muss man entweder einen anderen Gott erfinden oder zugeben, dass jener mit dem man die Menschen seit vielen Jahrhunderten unterhalten hat, zugleich sehr gütig und sehr schlecht, sehr mächtig und sehr schwach, unveränderlich und wandelbar, vollkommen weise und vollkommen unvernünftig in seinen Plänen und Mitteln, ein Freund der Ordnung und der Verwirrung, sehr gerecht und sehr ungerecht, sehr geschickt und sehr ungeschickt. Muss man endlich nicht gezwungen sein einzugestehen, dass sich die widersprechenden Attribute eines Wesens durchaus nicht vereinbaren lassen, von dem man auch nicht ein einziges Wort zu sagen vermag, ohne sogleich in die handgreiflichsten Widersprüche zu fallen? Versucht man es der Gottheit auch nur eine Eigenschaft beizulegen, so wird diese unmittelbar durch den Erfolg widersprochen, welchen man dieser Ursache zuschreibt. (S.109)

Es ist für die Diener der Religion von dem größten Nutzen, das die Leute nichts von dem verstehen, was man sie lehrt. Es ist unmöglich das zu prüfen, was man nicht versteht; es ist natürlich, dass sich der Blinde führen lassen muss. Wäre die Religion verständlich, so würden die Priester keine so guten Geschäfte machen. (S.110)

Die Unwissenheit zieht das Unbekannte, das Verborgene, das Fabelhafte, das Wunderbare, das Unglaubliche, selbst das Schreckliche dem Klaren, Einfachen und Wahren vor. Das Wahre macht auf die Einbildung keine so lebhaften Eindrücke als die Dichtung, welche man in beliebige Weise deutet. (S.111)

Die Anhänger der verschiedenen Religionen finden sich wechselseitig sehr lächerlich und sehr töricht; die verehrtesten Mysterien der einen Religion sind der Gegenstand des Lachens bei den anderen. (S.113)

Ein allgemeiner Gott hätte eine allgemeine Religion offenbaren müssen. (S.113)

Die Menschen prüfen, in der Regel, nichts; sie lassen sich blindlings durch die Gewohnheit der Autorität leiten; vor allem sind es die religiösen Meinungen, welche sie am wenigsten prüfen; da sie nichts davon verstehen, sind sie gezwungen zu schweigen oder erreichen bald das Ziel ihres Nachdenkens. (S.121)

Ist es also möglich das zu glauben, was man nicht begreifen kann? Heißt glauben etwas anderes als fremden Meinungen anhängen, ohne eine eigene Meinung zu haben? Die Priester regulieren den Glauben der Massen; aber bekennen diese Priester nicht selbst, dass Gott für sie unbegreiflich ist? (S.123)

Untersuche diesen göttlichen Willen in irgend einem Lande, so findest du überall bizarre Verordnungen, lächerliche Gebote, zwecklose Zeremonien, kindische Gebräuche, unwürdige Etiketten, Gaben, Opfer und Sühnungen, den Diener Gottes in der Tat nützlich, doch sehr bedrückend für die übrigen Bürger. Ich finde auch, dass diese Gesetze die Menschen ungesellig, höhnisch, unverträglich, zänkisch, ungerecht und grausam gegen alle jene machen, die nicht dieselbe Offenbarung, nicht dieselben Anordnungen, nicht dieselben Gunstbezeugungen des Himmels empfangen haben. (S.125)

Ist es nicht sonderbar, dass man Eures Gottes Freund nicht sein kann, ohne ein Feind der Vernunft und des gesunden Menschenverstands zu sein?! (S.133)

Ihr wiederholt ohne Unterlass, dass die Wahrheiten der Religion über der Vernunft stehen. Gesteht ihr eben dadurch nicht ein, dass diese Wahrheiten nicht für unvernünftige Menschen sind? Annehmen, die Vernunft könne uns betrügen, heißt annehmen, dass die Wahrheit falsch sein und das Nützliche uns schaden könne. Ist die Vernunft etwas anderes als die Erkenntnis des Nützlichen und des Wahren? (S.135)

Der Glaube steht der Schwäche des Geistes bei, für den die Anwendung gewöhnlich eine mühsame Arbeit ist; es ist weit bequemer sich auf andere zu verlassen, als selbst zu prüfen; die Prüfung, so langsam und schwierig ist, missfällt blödsinnigen Ignoranten eben so sehr wie lebhaften Geistern: dies ist, ohne Zweifel, die Ursache, warum der Glaube so viele Anhänger findet.
Je weniger Vernunft und Aufklärung die Menschen besitzen, desto mehr Eifer zeigen sie für ihre Religion. Tiefe Unwissenheit, grenzenlose Gläubigkeit, schwaches Gehirn und erhitzte Einbildungskraft sind das Material, aus welchem Andächtler, Eiferer, Fanatiker und Heilige gemacht werden. Wie sollen Leute der Vernunft Gehör geben, die sich blindlings leiten lassen und nichts prüfen? Die Gläubigen und das Volk sind Automaten in den Händen ihrer Priester, die sie nach Belieben lenken. (S.137)

Man rühmt uns fortwährend den unendlichen Nutzen, welche die Politik von der Religion ziehen soll; aber denkt man nur ein wenig darüber nach, so wird man leicht erkennen, dass die religiösen Meinungen sowohl die Regenten wie die Völker blind machen; dass sie durch dieselben weder über ihre wahren Pflichten, noch über ihre Interessen erleuchtet werden. (S.146)

Man richtet ihre Augen nach dem Himmel, um sie an der Wahrnehmung der wahren Ursachen ihrer Übel und an der Anwendung der natürlichen Mittel zu verhindern. (S.148)

Die Priester haben sich zu allen Zeiten als Beschützer des Despotismus und als Feinde der Volksfreiheit gezeigt, ihr Handwerk verlangt entwürdigte und unterdrückte Sklaven, die nie den Mut haben zu denken. (S.153)

Nur die Freiheit des Gedankens allein kann den Menschen Seelengröße und Humanität einflößen. Der Begriff eines tyrannischen Gottes kann nur verworfene, zürnende, streitsüchtige und unduldsame Sklaven machen. Jede Religion, die einen Gott voraussetzt, der leicht zu beleidigen, rachsüchtig, spitzfindig betreff seiner Rechte und seiner Etikette, einen Gott, der kleinlich genug ist, wegen Meinungen, die man über ihn hegt, sich beleidigt zu fühlen, einen Gott, der ungerecht genug ist zu verlangen, dass man sein Verfahren einstimmig hinnehme, eine solche Religion macht notwendigerweise unruhig, ungesellig, blutdürstig. Die Verehrer eines solchen Gottes werden es für ein Verbrechen halten, jene nicht zu hassen, ja selbst nicht zu vertilgen, die man ihnen als Feinde dieses Gottes vorstellt. (S.159)

Bei allein Religionen haben die Priester allein das Recht über das zu entscheiden, was ihrem Gott gefällt oder missfällt; man kann versichert sein, dass sie stets über das entscheiden werden, was ihnen selbst gefällt oder nicht gefällt. (S.173)

Aus der Armut des Geistes hat die Religion stets Kapital zu machen gewusst. Die Haupttugend jeder Religion, das heißt, die nützlichste für ihre Diener, ist der Glaube. Sie besteht in einer unbegrenzten Gläubigkeit, welche alles, was die Dolmetscher der Gottheit zu ihrem eigenen Vorteil geglaubt haben wollen, ohne Prüfung als wahr annimmt. Mit Hilfe dieser wunderbaren Tugend haben sich die Priester zu Schiedsrichtern des Gerechten und Ungerechten, des Guten und des Bösen gemacht; es war ihnen ein Leichtes, Verbrechen zu üben, wenn sie eines Verbrechens bedurften, um ihre Interessen geltend zu machen. Der blinde Glaube ist die Quelle der größten Attentate gewesen, welche auf Erden begangen worden. (S.176)

Das Gewissen der schlechten Menschen wird ruhig, sobald ein Priester versichert, dass Gott durch aufrichtige Reue versöhnt werde, welche der Welt von wenig Nutzen ist; dieser Priester tröstet sie im Namen Gottes, wenn sie nur geneigt sind, zur Sühnung ihrer Laster, mit seinen Dienern die Früchte ihres Raubes, ihres Betrugs und ihrer Schlechtigkeit zu teilen. (S.177)

Je weniger die Menschen denken, umso schlechter sind sie. Der Gläubige reflektiert nie; er fürchtet sich zu denken und zu prüfen; er folgt blind der Autorität und ein irriges Gewissen mach es ihm oft sogar zur heiligen Pflicht das Böse zu tun. Der Ungläubige reflektiert; er berät sich mit Erfahrung und zieht sie dem Vorurteile vor. (S.188)

Es wäre ein törichtes Unternehmen für die Masse zu schreiben oder zu verlangen, sie von ihren Vorurteilen mit einem Schlag zu heilen. Man schreibt bloß für solche, die lesen und eines Urteils fähig sind; das Volk liest wenig und denkt noch weniger. Verständige und friedliche Menschen erleuchten sich; das Licht verbreitet sich allmählich, bis es endlich auch die Augen des Volkes erfassen wird. Gibt es aber, von der anderen Seite, nicht auch solche, die sich selbst Mühe geben, die Menschen zu betrügen? (S.205)

Der Mensch, verdummt durch seine Religion, unfähig seine eigene Natur zu erkennen, seinen Verstand zu bilden, Erfahrungen zu machen, fürchtet die Wahrheit, sobald sie sich nicht mit seinen Vorurteilen verträgt. Die Religion scheint keinen anderen Zweck zu haben als Herz und Geist des Menschen zu beengen. (S.208)

Der Aberglaube absorbiert fast immer die Aufmerksamkeit, die Bewunderung, den Schatz der Völker; sie haben eine sehr kostspielige Religion; doch erhalten sie für ihr Geld weder Aufklärung, noch Tugend noch Glück. (S.214)

Ich glaube, meine Freunde, euch ein hinreichendes Präservativ gegen die Torheiten gegeben zu haben. Eure Vernunft wird meine Worte ergänzen. Oh, hätten wir uns nur darüber zu beklagen, dass wir betrogen werden! Doch Menschenblut ist seit den Zeiten des Zweiten Konstantins in Strömen geflossen, um diesen schrecklichen Betrug zu befestigen. Die römische Kirche, die griechische, die protestantische, mit ihren zahlreichen eitlen Streitigkeiten und stolzen Heuchlern, haben Europa, Afrika und Asien verheert. Zählt, meine Freunde, zu diesen Menschen, welche dieser Streitigkeiten wegen hingeschlachtet, die große Anzahl von Mönchen und Nonnen, die durch ihren Stand nutzlos geworden sind. Seht, wie viele Geschöpfe hingeopfert wurden, und ihr werdet euch überzeugen, dass durch die christliche Religion ein großer Teil der Menschheit zugrunde ging!
Möge der Fanatismus nicht die Vernunft ersticken! Ich sterbe, mehr von diesem Wunsche als von Hoffnung erfüllt.

Abschließende Kommentierung:

Allein das letzte Zitat liefert schon genug zum Nachdenken: Was macht die Religion aus den Menschen? Welche Spuren hat sie in der Geschichte hinterlassen und was ist von ihr für die Gegenwart zu erwarten?

Das Werk macht auch, ohne dies zu beabsichtigen klar, dass früher durchaus Gott im Mittelpunkt der religiösen Aufmerksamkeit stand, während diese Sinnsuche heute mehr mit Jesus und noch mehr mit Heiligen bei den Konservativen und einem Jesus-light bei den „Fortschrittlicheren“ - richtiger: mehr dem Zeitgeist angepassten – versucht wird. Über den Gott, der ja immer noch durch das Alte Testament präsentiert wird, redet man heute besser nicht mehr, da ansonsten genau diese Gedanken auftauchen, die sich schon Abbé Meslier gemacht hatte. Nur mit einem „Erlösen durch Jesus“, wenn auch keiner so richtig weiß, ob diese nun schon geschehen oder ob diese nun noch kommen wird – genau in der gleichen geistigen Verfassung wie die Juden vor 2000 Jahren mit ihrer Erwartung des Gottesreiches – präsentiert sich heute die Religion. Viele Gedanken eignen sich als Kalendersprüche oder „Meditationshilfen“ für Denkwillige. Vielleicht kommt ja mal ein atheistischer Verlag auf die Idee, diese unverdaulichen und faulen Brocken, so wie sie von diesem Priester wieder ausgespuckt wurden, gezielt – und mit modernem Schriftbild und Schreibweise - zu veröffentlichen. Es wird auch deutlich, dass es keinen Gott ohne seine Priester und dass es keine Priester gäbe, wenn sie sich nicht ihrer Mittlerschaft zu einem Gott rühmen würden – und derartige Absurditäten geglaubt würden.

Was würde Meslier heute schreiben, wenn er wüsste, dass Religion immer noch für eine ethische Richtschnur gehalten wird, dass immer noch Religionsunterricht erteilt wird, dass der Judenhass der Christen gar einen Holocaust durch die Nazis möglich machte, dass alle Bürger mehr denn je mit Milliardenbeträgen die Priesterkasten finanzieren und das die römische Kirchen sich zu einem gigantischen Glaubenskonzern und größten Grundbesitzer der westlichen Welt entwickelt hat. - Und vor allem: Dass von alledem keinerlei Ende abzusehen ist?!

 

Zusammengestellt und kommentiert:

Roland Weber