Der gesunde Menschenverstand

(16.10.2016)

Sagen wir es also mit dem berühmten Lord Bolingbroke:
„Die Religion ist die Büchse der Pandora; und wenn es auch unmöglich ist, sie zu verschließen, so ist es doch nützlich zu melden, dass diese Büchse offen ist“.

Mit diesem Zitat endet der Text des Buches „Der gesunde Menschenverstand“, den der Verlag Alibri nun dem Autor Holbach zuschreibt. Davor wurde dieses Werk dem Pfarrer Meslier in seinem Testament (mit dem Herausgeber Voltaire) zugeschrieben.

Im Jahr 2016 erschien nun diese Neu-Auflage mit einem Werk, das doch in einem geheimnisvollen Umfeld schwebt. Der Verlag begründet diese Neu-Auflage mit einer sprachlich erforderlichen Anpassung an ein moderneres Deutsch. So nebenbei verweist man dabei dann doch auch auf einen anderen Autor. Nach meiner Einschätzung übertreibt man da mit der Überarbeitung doch etwas und hält sich wohl aus guten Gründen weiterhin an die bereits seit 1860 vorliegende Übersetzung eines Samuel Ludvigh. Diese Reprint-Auflage war schon lange erwerbbar. Diese Veröffentlichung trug allerdings den Titel „Der gesunde Menschenverstand von Pfarrer Jean Meslier nach seinem Testament“. Betrachtet man das formelle Schriftbild, so ist die Neuauflage sicherlich der kopierten Buchform mit altdeutscher Schrift deutlich vorzuziehen und begrüßenswert. Inhaltlich gibt es dagegen keine nennenswerte Neuerungen.

Das Besondere ist jedoch, dass in der älteren Fassung sowohl ein Briefwechsel zwischen Voltaire und verschiedenen Personen über dieses Werk aufgenommen wurde, dass ein Einführungstext Voltaires und auch der des Herausgebers zu finden ist und dieses Buch zudem noch mit einem Auszug aus dem Testament von Meslier durch Voltaire schließt. Nirgends wird dabei allerdings ein möglicher Autor des Hauptteils, nämlich Holbach genannt. Wenn man auf diese umgebenden Informationen verzichten kann, dann ist natürlich die Neu-Auflage die bessere Textwahl. Die Autorenschaft Hobachs scheint durchaus plausibel. Vermerkt Voltaire doch, dass das Werk „mit einer derben Einfachheit geschrieben“ sei. Dies passt nicht auf den Hauptteil (wohl Holbachs Teil), sondern kann sich nur auf den angefügten Auszug aus dem Testament beziehen. So kann es gut sein, dass die ältere Veröffentlichung zwei Autoren hat, was der Herausgeber Ludvigh um 1860 jedoch ebenfalls nicht erkannte. Dass hier anonyme Teile, und sogar der als Hauptteil anzusehende, eingeflossen sind, damit kann man oder muss man vielleicht rechnen, weil Holbach viele seiner Werke und Beiträge in dieser Zeit und aus den gebotenen Gründen anonym verfasst hat. Aber auch Meslier nahm für sich in Anspruch, sein Testament nur deswegen erst nach seinem Tode einer Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu haben, da er zu Lebzeiten zu recht mit Verfolgung und Bestrafungen zu rechnen gehabt hätte. Auch er natürlich nicht, weil er etwas Anfechtbares oder gar Falsches geschrieben hätte, sondern weil alle religions- und kirchenkritischen Aussagen nur zu zutreffend, zu logisch und zu wahr waren bzw. auch heute noch sind.

Ich vermag bei besten Willen keine Aufklärung zu leisten, was die Entstehung dieses Werkes betrifft und wie man die näheren Umstände einzuordnen hat. Aber vieles spricht in der Tat dafür, dass Holbach und nicht Meslier der Autor des Werkes, mit Ausnahme des Anhangs ist. Auch die Rolle Voltaires bleibt unklar. Hat man ihm das Werk seines Freundes untergeschoben oder wirkte er bewusst an der Verschleierung der Autorenschaft mit? Woher der Verlag seine Kenntnisse bezogen hat, verrät der Text nicht. Das Werk hat aber sowohl die Akteure der französischen Revolution als auch den Bewahrer Ludvigh jedenfalls so nachhaltig beeindruckt, dass erstere dem vermeintlichen Verfasser Meslier ein Denkmal setzen wollten und vielleicht auch gesetzt haben und der amerikanische Herausgeber das in einem Antiquariat aufgefundene Werk unbedingt ins Deutsche übersetzen wollte.

Voltaire, d'Alembert, Diderot und Holbach und einige andere gehörten jedenfalls zu den führenden Köpfen der Aufklärung und standen in engem Kontakt. So verwundert es nicht, dass diese Namen um dieses Werk kreisen. Allerdings halte ich es durchaus für möglich, dass der in der älteren Fassung angehängte Auszug tatsächlich das Werk Mesliers ist. Dieser Teil ist zudem unstrukturierter als der gut gegliederte Hauptteil. Wie dem auch sei. Dieser Text wurde in die Neuauflage nicht mehr aufgenommen. Wohl zu recht, wenn man nur ein Buch mit dem Inhalt eines Autors Holbach veröffentlichen wollte. Der Hauptteil, der aus guten Gründen Holbach zuzuschreiben ist – wenn aus Unkenntnis in der älteren Übersetzung jedoch gerade nicht -, stellt jedoch gerade für heutige Religionskritiker ein unverzichtbares Argumentationsarsenal dar.

Das Erschreckende ist nämlich, wie in der Neuauflage auch erkannt wird, dass das Wissen um Religion und ihre Inhalte seit der Zeit der Aufklärung nicht zu-, sondern bis ins Rudimentärste abgenommen hat. Wenn damit ein Bedeutungsverlust von Religion und eine Abnahme kirchlichen Einflusses einherginge, könnte man dies mit Erleichterung zur Kenntnis nehmen. Aber genauso ist es nicht. Kein denkender Mensch sollte sich deshalb diesen Argumenten verschließen, die in diesem Fall Holbach exemplarisch für die Aufklärer formuliert hat. Sie haben keinen Deut an Aktualität verloren.

Die beste Reklame, die der Verlag Alibri für sein Werk machen konnte, ist die im Vorwort eingangs gestellte Frage, ob auch im 21.Jahrhundert Religionen scharf kritisiert werden dürfen. Man hält dies zunächst folgend für angebracht, um sich dann aber zwei Seiten später damit etwas verschämt zu entschuldigen, dass „manche Passagen hart klingen, aber eben im historischen Kontext zu betrachten seien“. - Nein, es handelt sich nicht nur vorrangig „um ein Juwel der Aufklärung“, wie betont wird, es handelt sich um eine zeitlose Fragestellungen und Beantwortungen zu Fragen des Verstandes, der Ethik und der Macht.

Wer mehr abstraktes Interesse an Philosophie und Theologie – hier geht es um die Gottesvorstellungen an sich – hat, der kann hier auf unterhaltsame Weise sein Denken und Argumentieren auffrischen oder erweitern.

Wer sich mehr für die Motive der Entstehungen der Religionen, insbesondere des Christentums an sich und der Evangelien, interessiert, der kann dazu in anderen zeitgemäßen Werken Argumente finden. Auch die Kirchengeschichte selbst liefert genug Belege für das unsägliche Wirken des Christentums.
Hinsichtlich der Theologie kann man feststellen, beides ist richtig: Es gibt weder Gott noch Götter und es gab auch keinen historischen Jesus. Welches dieser Stuhlbeine man zuerst wegtritt, mag nachrangig sein. Geschichte oder gar Kirchengeschichte wird wohl niemand als Stuhlbein ansehen wollen. Aber zur Zeit balancieren sich das Christentum und die Kirchen aufgrund ihrer überkommenen Macht und Mythen immer noch ganz bequem auf einem Stuhl mit drei Beinen. Das dritte Bein ist die Politik, die sich von ihrer pro-klerikalen Parteinahme nicht verabschieden will. Erst wenn dem Stuhl zwei oder gar drei Beine fehlen, wird die ganze Hin- und Herwackelei auf diesem Terain für jeden  offenkundig! Auch wenn die Aufklärer in ihrer Zeit vor der französischen Revolution noch nichts von Demokratie wussten, wussten sie doch wie Herrscher und Kirche auf Kosten der Massen zusammenarbeiten.

Beide Ausgaben:

  • Der gesunde Menschenverstand von Pfarrer Jean Meslier, laut seinem Testament, aus dem Französischen übersetzt von Samuel Ludvigh, Baltimore Verlag Samuel Ludvigh, 1860 (Reprint-Ausgabe)
  • Der gesunde Menschenverstand, Paul Thiry d'Holbach, Alibri Verlag 2016; 16 €

Im Internet sind für Interessierte viele Seiten und Beiträge zu beiden Personen (Meslier und d'Holbach; aber auch zu den damaligen Philosophen – Böse Philosophen: Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung von Philipp Blom) zu finden. Beide Autoren haben wohl aufklärerischen Gedanken zu Papier gebracht und damit Verdienste erworben, die noch heute Anerkennung verdienen. Aber wie beide und auch Voltaire in dieser Angelegenheit agierten und wie es zu dieser ungeklärten Autorenschaft hat kommen können, kann hier nicht untersucht werden. Dies ist jedoch im Hinblick auf den immer noch aktuellen Inhalt dieses Werkes von absolut nachrangiger Bedeutung.

Roland Weber