Die drei roten Leitplanken der römisch-katholischen Kirche

Man hält die Zeiten fatalerweise für aufgeklärter als sie sind. Aufgrund des um sich greifenden religiösen Desinteresses, der gepflegten Desinformationen („Weihnachten!“) und nicht zuletzt aufgrund der behaupteten Unerweislichkeit jeglicher religiöser Überzeugungen nährt man den Glauben an eine  Versöhnungs- und Aussöhnungsbereitschaft zwischen der römisch-katholischen Kirche und Atheisten. Und bedeutet nicht Religionsfreiheit letztlich Friedfertigkeit, und demzufolge, dass man alles Religiöse unangetastet, unangreifbar und als unhinterfragbar so stehen lassen muss – schon der Verfassung wegen? Wie es zwischen diesen beiden Gruppen bestellt war, kann man sich ja aus der Geschichte zusammensuchen. Die Verhältnisse haben sich eben doch geändert.

Wer sich mit Kirchengeschichte nur ein bisschen auskennt, wird es womöglich nur für „lässliche Irrtümer“ halten, was sich die Kirche in ihrer Geschichte so alles „geleistet“ hat. Unhistorisches und unreflektiertes „Schön-Denken“ ist angesagt. War es nicht nur eine bedauerliche Übertreibung, dass man alle anderen Glaubensrichtungen verfolgte und ihre Anhänger zigtausendfach ermordete – auf kirchlich legale Weise? Es wäre doch gar nicht nötig gewesen, da doch der von der Kirche verkündete Glaube an sich die Wahrheit in sich trägt!?

Wer so denkt, denkt naiv. Wer so denkt, denkt falsch.

Von der ersten Stunde an war das Christentum in unzählige Fassetten „zerstritten“. Schon dies müsste eigentlich skeptisch stimmen, wenn man doch eine „so klare Botschaft“ erhalten zu haben vorgab. Diese Auseinandersetzungen, Streitereien, Verleumdungen, Beleidigungen und Beschimpfungen untereinander in Religionsfragen waren für die Antike etwas vollkommen Neues. In Griechenland und danach in Rom tolerierte man grundsätzlich alle Religionen und verstand ihr Erscheinen – insbesondere in Folge von Eroberungen und Vereinnahmungen – als allgemeine Bereicherung. War es denn nicht nützlich, wenn auch andere Götter als die bisher bekannten für das Wohlergehen von Polis, Senat, Kaiser, Staat und Volk durch Opferungen, Anbetungen und Verehrung „eingebunden“ und mit den jeweiligen Verhältnissen und Hoffnungen vertraut gemacht wurden? Diese religiöse Laxheit ändert sich allerdings mit dem „christlichen Staatskirchentum“ mit Konstantin und in der Folge ab 380 schlagartig. Dieser brauchte in seinem zerstrittenen Reich schließlich eine einheitliche „überdeckende“ Religion und Legitimation. Die beste Organisation wies schon damals die römische Kirche auf. Deshalb setzt er alles auf diese Karte – ohne selbst allerdings Christ werden zu wollen oder sich unter diese Religion „unterordnen“ zu wollen. Er sah sich als „Sol invictus“ (Unbesiegter Sonnengott – wie sich aus Münzen und Statuen eindeutig erkennen lässt - und selbst gerade kein „Christ“!) und blieb konsequent auch „pontifex maximus“ - der oberster Priester im Reich. Allen später gezielt ausgestreuten kirchlichen Desinformationen und Fehldeutungen zum Trotz. Erst später und nach dem Niedergang der kaiserlichen Macht in Rom bzw. dem Westreich okkupierte ein Papst diesen Titel für sich. Nicht zuletzt dank der unverschämtesten Fälschung der Geschichte: Der Konstantinischen Schenkung, mit der der Papst über das „Westreich“ als Herrscher eingesetzt worden sein soll.

Und hier ist einmal der Einwurf angebracht, warum dann wohl das „Christentum“ bzw. die die Macht ergreifende römische Kirche denn so mächtig und damit „einzigartig“ wurde. Ihre Organisation richtete sich von Anfang an und im Laufe der Jahrhunderte immer mehr zur Gestaltung der weltlichen Verhältnisse aus. Am Anfang standen freiwillige Abgaben aus „Nächstenliebe“ - bis sie sich zu einem verpflichtenden „Zehnt“ mauserten und dann auch gnadenlos eingetrieben wurden. Lesen und schreiben konnten nur die Kleriker. Verwaltung wie Geburts- oder Heiratsregister verschafften ein Monopol. Mit der kirchlichen Heirat dauerte es allerdings bis ins 14.Jahrhundert, bis man entdeckte, dass das verruchte Sexualleben (dazu später!) mit seiner Fassette „Heirat“ als siebtes Sakrament doch auch finanziell und machtpolitisch „einiges hermachte“. Auch das kirchliche Friedhofsmonopol war von wahrlich unschätzbarem Wert, war doch jeder – und dann vor allem seine Angehörigen - ein geächteter Außenseiter, der nach seinem Ableben nicht den Weg auf einen – nur kirchlich vorhandenen – Friedhof fand. Also galt stets Unterordnung. Aber die ungebildeten Maßen hatten ja ohnehin keine Möglichkeiten, die für uns heute klar erkennbaren und ans verbrecherische grenzenden Machenschaften auch nur ansatzweise zu durchschauen. Nicht einmal die Bibel durften sie ja selbst lesen, da schon dies ein todeswürdiges Verbrechen darstellte – vom Bildungsgefälle, Besitz von Büchern und Sprachkenntnissen etc. mal ganz abgesehen. Nur beim Erben, dass auch nur durch „kirchliche Testamentsbeglaubigung“ gültig sein sollte, ist man letztlich knapp gescheitert, da die ins Auge gefasste und dadurch ermöglichte klerikale Erbschleicherei dann doch den weltlichen Herrschern letztlich „zu viel“ war.

Die sogleich nach dem nachweisbaren Erscheinen eines Christentums ab dem 2. Jahrhundert anzutreffende Vielfalt an Glaubensinterpretationen nährt jedoch stark den Verdacht, dass es bereits Überzeugungen gab, in die der neue Glauben eingepasst werden musste – und dies jedoch zwangsläufig aufgrund unterschiedlicher Ausgangslagen zu unterschiedlichem Verständnis führte. Nichts war grundsätzlich neu an diesem Christentum: Auferstehung eines getöteten Gottes – na bitte: Osiris, Herakles, Prometheus und einige andere. Jungfrauen- mit Götterzeugungen (nicht auch noch Jungfrauengeburten!) – na bitte: selbst Alexander, Augustus oder Pythagoras sollen so in die Welt gekommen sein. Wunder verrichteten sie ohnehin allesamt. Nur eines eben war neu: Nicht ein Mythos sollte die Grundlage des Glaubens sein, sondern ein „historisch“ auf der Erde gewandelter Gott-Mensch. Das war für die Einfältigen allemal eine „frohe Botschaft“. Auch dass sie selbst unsterblich sein sollten, „wieder auferstehen“ sollten, und vor allem, dass sich im Himmel dann alles umdrehen würde, die Reichen würden arm, die Armen reich, die Unterschicht zur Oberschicht – dass alles war doch eine überzeugende Botschaft. Wenn man schon irgendwie und immerfort irgendetwas glauben wollte, dann doch bitteschön dies. Aber brechen wir hier ab. Wenden wir uns den „Leitplanken“ zu. Kurz: Es galt in der ganzen Kirchengeschichte immer, das Volk und theologische Abweichler „auf Linie zu halten“. Und dazu bildeten sich nach und nach drei Leitplanken heraus. Diese zeigen das weltliche Gesicht der Kirche und erklären ungeachtet des Glaubensinhalts vieles – wenn nicht gar alles:

Drei Grundsätze sind es, die zu gnadenloser Feindschaft und Verfolgung durch die Kirche führten – und wenn sie könnten, auch heute noch danach handeln würden:

1. Infragestellung jeglicher kirchlicher Privilegien
2. Infragestellung der „Heilsgewissheit“, die nur durch eine Priesterschaft vermittelt werden kann
3. Infragestellung des männlichen Primats bei der Heilserlangung

Alle drei „Leitplanken“ sind mit einander verbunden und geben die Richtung vor, wie bei der Glaubensentwicklung verfahren wurde.

Zu 1.: Aufgrund der ursprünglich durch die „Nächstenliebe“ gepflegte Solidarität unter Glaubensangehörigen innerhalb der Gemeinden wurde insbesondere Geld gesammelt und verteilt. Das Prinzip war wichtig, denn so wurde ein vormals gleichgestellter Bischof als „Kassenwart“ so nach und nach zum „Ersten“ unter vermeintlich Gleichen. Wer auf Hilfe angewiesen war, tat gut daran sich an- und einzupassen und die Rollenverteilung nicht in Frage zu stellen. Das Ganze bekam eine effektive Struktur und wurde in eine übergeordnete Organisation eingepasst. Da weder ein Gott noch ein Jesus, wie anfangs geglaubt, wieder erschien, noch die Welt untergegangen oder ein Reich Gottes gekommen war, war es nur zu verständlich, dass man die Dinge irgendwie ordnen musste. Am besten natürlich durch die Schaffung von Hierarchien (dazu vor allem Bischof Irenäus). Diese funktionieren gerade in Krisenzeiten besser – wenn man denn nur will. Und der Mensch ist nun mal ein Herdentier und deshalb nicht von vorne herein schon unglücklich, wenn er sich unterordnen muss. Sobald die Verhältnisse festgelegt waren, musste natürlich alles, was diese Errungenschaften in Frage stellte, schärfstens bekämpft werden. Die Autorität eines Gottessohnes nahm nun die Kirche für sich in Anspruch. Sie verstand sich fortan als „göttlich“, auch wenn sie sich in aller verlogenen Bescheidenheit nur „heilig“ nannte und nennt. Und alle Rechte, sprich Privilegien, sind natürlich auf Gottes Ratschluss der Kirche zugebilligt worden, und keinem Menschen steht es an, daran irgend etwas kritisieren zu wollen. Dass dann die Stellvertreter Rechte definierten, die der angeblich Vertretene nie selbst verkündet hatte, fällt den meisten bis heute noch nicht einmal auf. Alle „Christen“, die die Botschaft eines Christus anders verstanden und insbesondere von der Gleichheit der Menschen ausgingen, wurden als „Sekten“ verfolgt, die Anhänger vernichtet, so dass man heute oft nur noch die Namen dieser Gruppen und Christen und allenfalls rudimentäre Vorstellungen ihres Glaubens erkennen kann. Denn alles, was die kirchliche Autorität in Frage stellte, wurde durch eben die letztendlich obsiegende römische Kirche vernichtet.

Zu 2.: Wenn jedermann durch Einkehr, Meditation oder gar durch eigene Werke „Seelenheil“ erlangen könnte, brauchte es keine Priesterschaft – vor allem keine, die auf Kosten der Gläubigen lebt. Abgaben an die Kirche und ihre Priester sind also „Lebensbedingungen“, von denen sie nicht abrücken wird. „Glaubensverkünder“ wurde schnell zu einem Beruf – und sicherte so manchem und einer großen Schicht ein recht gefälliges Leben – bis heute. Für den Adel war es ein „Nebenerwerbszweig“, wenn die Tochter oder der Sohn als Erbe nicht benötigt wurden und versorgt werden mussten. Also braucht man die Priester für die Religion und die Religion für die Priester. Nicht umsonst waren der Papststuhl und auch alle Bischofstühle stets unter Ziehen aller Register der Adelsgeschlechter „umkämpft“. Deshalb besteht natürlich auch heute noch die Feindschaft nicht nur gegenüber Atheisten, sondern auch zu Christen, die Kirchen aus Stein, ihre Rituale und Zeremonien, ihre Reliquienverehrung, das „Heiligsprechen“ und nicht zuletzt eine bezahlte Priesterschaft als grundsätzlichen Verrat an der Botschaft Christi ansehen. Es ist für die heutige Zeit vielleicht nur noch schwer zu verstehen, wie bedeutend der Wirtschaftszweig „Reliquien“ und „Heilige“ wurde. Gab man dort doch freiwillig und zeigte sich unterwerfungswillig. Der Besitz von Reliquien entschied oft, ob ein Dorf ein Dorf blieb, die Kirche eine Kirche blieb oder ein Dom oder Münster gebaut wurde und sich so letztlich daraus eine Stadt entwickelte. Also „investierte“ man und bis heute – die Knochen der „heiligen drei Könige in Köln, der Jesus-Rock in Trier, das Grabtuch in Turin. Als „high lights“ haben sich diese und alle anderen „Gläubigen- und Touristen-Magnete“ (Santiago de Compostela; Lourdes) bis heute bestens rentiert.

Zu 3.: Zunächst als Übergang hierzu: Die römische Kirche kennt bis heute – auch wenn man dies nicht mehr „groß verkündet“, mindestens vier Stufen des Menschseins:

I. Auf der untersten Stufe: die Frau bzw. Frauen
II. auf der mittleren Stufe: den Mann bzw. die Männer
III. und darüber – auf der obersten Stufe: die gesamte Hierarchie der „geweihten“ Priesterschaft
IV. und wer die vierte Stufe vermisst: auf der alleruntersten Stufe stehen natürlich alle Nichtgläubigen, die niemals ohne ihre Unterwerfung unter die Kirchenhierarchie, „in den Himmel“ gelangen können. Selbst Gott ist da machtlos. Die Kirche bestimmt, wer überhaupt in den Himmel kommen kann – und niemand und nichts sonst.

Wer jetzt glaubt, er sei hier wohl einem Scherz aufgesessen, der möge sein Lachen genießen, bevor ihm – oder noch besser ihr – das Lachen bei der Überprüfung dieser Aussage im Hals stecken bleibt. Deswegen kann es übrigens auch nie eine echte „Ökumene“ geben, da es eben zum Wesensprinzip der römischen Kirche gehört, dass diese o.a. Unterscheidungen niemals aufgegeben werden. Nicht einmal die meisten Katholiken erkennen, warum denn keine Frauen Priesterinnen werden können und warum denn ein Priester nicht verheiratet sein darf. Eine Gleichstellung von Mann und Frau würde ja beide „verweltlichen“ - und das kann man ja nun gar nicht gebrauchen. Am Leiden und an der sexuellen Frustration wird deutlich, wie hoch das Opfer und damit auch die Besserstellung der Priesterschaft gerechtfertigt werden. Man braucht auch eine Seilschaft des Geldes. Ohne Heirat keine Kinder – jedenfalls keine legalen. Ohne Frauen bleibt es auch bei der „über-der bloß-männlichen“ Erhöhung. Was unter historischen Bedingungen ein cleveres Geschäftsmodell war (Werde du Priester, dann hast du ausgesorgt, ich verschaffe dir Macht und Ansehen, du sorgst für das Einkommen der Kirche, d.h. aller deiner Glaubensbrüder, und du vererbst mangels Erben auch nichts, sondern gibst bei deinem Tod wieder alles mir zurück) erweist sich heutzutage doch nur noch als „bedingt geschäftstauglich“. Mit den Sexualneurosen, die sich oft selbst kastrierende „Kirchenväter“ (z.B. Origenes) und Heilsverkünder herumschlagen mussten, kann man heute niemand wirklich mehr überzeugen oder ängstigen. Deren Erkenntnisse über Gott, die Frau als Fleisch gewordene Sünde und die eigenen Versagens- und Impotenzängste würden nur noch Mitleid erregen - wenn deren Folgen bis heute nicht so desaströs wären.

Und noch eines muss in diesem Zusammenhang erwähnt werden: Die Verfolgung der Hexen war anfangs sicherlich mehr heidnischer Aberglaube, der dann aber von der Kirche aufgegriffen und dabei nicht nur zur Steigerung des eigenen Vermögens, sondern vor allem zur Vernichtung des Wissens über Geburt, Verhütung und wohl auch Abtreibung „genutzt“ wurde. Hebammen und „weise Frauen“ standen demzufolge ganz oben auf der Verfolgungs- und Vernichtungsskala – konnte man so auch so tun, dass eben gerade das „Weibliche“ das immer „Teuflische“ sei. Dieser Aberwitz und diese Hysterie kamen der Kirche zur Festigung des Aberglaubens und ihrer Macht jedenfalls „sehr recht“.

Wer das theologische Selbstverständnis der römischen Kirche nicht kennt, wird sich dagegen nur schwer erklären können, warum z.B. Kinderschänder nicht schärfer verfolgt oder warum ein Bischof in Limburg nicht einfach seines Amtes enthoben wird. Die Erklärung: Das geht nicht – oder jedenfalls nicht so einfach! Schon jetzt kann man immerhin in der Zeitung lesen, was gern im Stillen nur für wahr gehalten wird: Dass da schließlich der Heilige Geist jeglichen Bischof eingesetzt und dass auch die Kinderschänder „gehobene Diener Gottes“ sind – vgl. dazu die oben skizzierten „Menschheitsstufen“. Und das kirchliche Recht gilt dabei immer vor dem weltlichen! Verstanden?

Wer die oben genannten „Auswahlkriterien“ zugrunde legt, wird dann aber anhand der Kirchengeschichte nachvollziehen können, warum z.B. Mönchsorden zugelassen wurden, obwohl sie sich z.B. „der Armut“ - und damit im Gegensatz zur Kirche – verschrieben hatten. Und erkennen, warum andere, z.B. die Katharer, Maconiten und unzählige andere „Sekten“ so gnadenlos verfolgt und vernichtet wurden. So lange neue „Denkrichtungen“ die drei oben genannten Kriterien nicht in Frage stellten oder stellen, sondern „die Kirche anerkennen, wie auch immer sie ist“(!), wurden sie gern als Aushängeschild zur Bemäntelung der eigenen Inkonsequenz und der eigenen Vorteilssuche wegen - Geld und Macht - geduldet. Und als „Offenheit“ ausgestellt. Diesen Widerspruch in der „Auslegung der Botschaft“ hielt und hält die Kirche aus. Aber nicht, wenn an einem der drei Kriterien gerüttelt werden sollte oder wurde. Nicht umsonst hat sie all dies getan, was sie getan hat um zu werden, was sie heute ist: eine angeblich „moralische Instanz“. Und das, mit dieser Geschichte, ist schlicht unbegreiflich! Wer an diesen Leitplanken rüttelte oder rüttelt, der konnte sich und kann sich auch heute noch der innigsten Feindschaft dieser Institution gewiss sein. Die zur Verfügung stehenden Mittel haben sich geändert, die „Verteidungsbereitschaft“ und die Feindschaft nicht.


Roland Weber