Christentum – die makaberste Tragödie des Abendlandes

(31.12.2016)

Am Anfang stand eine religiös-politische Idee, am Ende und als tragischster Tiefpunkt Millionen von Toten; dazwischen Jahrhunderte lang abertausende diffamierte, gequälte, verachtete und ermordete Menschen.

Kann man das verstehen, was Juden über Jahrhunderte angetan wurde? Wohl kaum. Es scheint direkt, als sei das Christentum der alleinige Erfinder des Völkermordes. Bis zu den Nationalsozialisten gab es zwar auch fortwährende Unterdrückung der Unterlegenen, aber nie ein gezieltes Vernichten. Vor allem das Steuer zahlen war wichtig. Das Christentum muss sich Jahrhunderte dauernde Verbrechen gegen Juden anlasten lassen. Und man wird das Christentum auch nicht von einer maßgeblichen Schuld an den Verbrechen der Nazis freisprechen können. Diese Geschichte und die dafür erforderlichen Beweise sind aufgrund ihrer Zeitnähe noch allemal greifbar. So mag in der Mitte der Zeit Luther stehen, auf den sich die Nazis mit innerer Verbrechenslogik berufen konnten. Was mit Luther seinen üblen Höhepunkt an Judenhetze erreichte, war jedoch zu diesem Zeitpunkt bereits Jahrhunderte andauernde katholische Tradition (bis ins Mittelalter der rituelle Osterbrauch vor Gläubigen: das Ohrfeigen eines Synagogen-Vorstehers). Nach der Rückeroberung Spaniens folgte im Auftrag des katholischen Herrscherhauses eine vollständige Säuberung, die man mit Stolz verkündete. Auch England konnte sich anschließend als judenfrei feiern lassen. Dies sind nur bezeichnende Beispiele.

Hier geht es jedoch nicht um die Folgen der Feindschaft gegenüber Juden, sondern aufklärend um die Richtigstellung ihres Anfangs. Und dieser Anfang zeigt, dass die Judenverfolgung, wie wir sie rückblickend mit Abscheu und Entsetzen registrieren müssen, gar auf einem ungeheuerlichen Missverständnis beruht.

Zunächst müssen wir einen Blick auf die literarische Szenerie werfen: Die ersten Spuren der Judenfeindschaft führen selbstredend in das Neue Testament und die Texte der Evangelien. Wer immer etwas gegen Juden finden möchte, hier findet er es - Selbstverfluchung, Kinder des Teufels, Christusmörder etc. Dies in angeblich göttlich inspirierten Texten. Diese Feindschaft wird der Tatsache zugeschrieben, dass sich ein beginnendes Christentum vom Judentum absetzen wollte und somit quasi im Übereifer verleumderische Töne gewählt habe. Allerdings lässt sich dies mit der Behauptung über seinen Ursprung überhaupt nicht vereinbaren. Wie solle denn ein Christentum ursprünglich ausgesehen haben, dass mit der jüdischen Religion noch kompatibel gewesen wäre? Man wird auf die angeblichen Judenchristen verweisen. Doch niemand aus theologischen Kreisen macht deutlich, worin sich denn Judenchristen überhaupt vom Judentum unterschieden hätten. Beachtung von Speisege- und verboten, Anerkennung des Jerusalemer Tempels, jüdische Feiertage und nicht zuletzt der Sabbat war sowohl judenchristliches als eben auch jüdisches Element. Das gilt auch für das aus der Thora hergeleitete Beschneidungsgebot. Dies blieb bezeichnenderweise der herausragendste Zankapfel. Dass ein hingerichteter Jesus der Messias oder gar ein Gottessohn gewesen, dass die Mutter Maria eine Jungfrau gewesen und geblieben sein soll, wäre für beide undenkbare Blasphemie gewesen. Das einzige, was Judenchristen überhaupt von Juden unterschieden hätte, wäre der Glaube an einen kürzlich gekreuzigten Propheten gewesen. Dagegen steht ein blutrünstiges Abendmahl, das allem jüdischen Verständnis Hohn spricht. Kein Judenchrist hätte ein – egal, ob symbolisch gemeint, und erst recht kein dogmatisch verkündetes - Bluttrinken zugelassen. Was soll Judenchristen und Heidenchristen überhaupt verbunden haben?

Konsequenterweise baut die Apostelgeschichte dann auch den Streit um die Speisegebote auf. Sie tut es jedoch nicht am Abendmahl, das wäre für die Absichten der Verfasser der Evangelien zu durchsichtig gewesen. Sie machen es an ganz gewöhnlichen Mahlzeiten fest, die nach jüdischem Verständnis festen Regeln zu folgen hatte. Allein der Umstand, aus religiösen Gründen nicht mit anderen zusammen zu Tische sitzen zu können, reißt Gräben auf und zementiert diese immer wieder neu. Zu beachten ist dabei, dass es nicht darum geht, was jemand essen darf oder essen soll, sondern es geht um das gemeinsame Essen überhaupt. Heute können sich Vegetarier, Veganer und Fleischesser in einem Restaurant zusammensetzen und gemeinsam ihre unterschiedlichen Speisen genießen, aber genau das schon hätte gegen die jüdischen Trennungsvorschriften verstoßen. Um es kurz zu machen: Zwischen Juden und Christen gab es keine Gemeinsamkeiten und Judenchristen sind nur eine literarische Komposition der römischen Schreiber um ihr Motiv zu befördern. Mit welchen Motiven und durch welche Umsetzungen es die im römischen Interesse schreibenden Verfasser geschafft haben, ihre Evangelien zu verbreiten, dazu muss ich auf mein Buch verweisen. Die in der Apostelgeschichte und auch in den Paulusbriefen, insbesondere im Galaterbrief aufgezeigten Streitigkeiten, sind nicht hinzugekommen, sondern bestanden von Anfang an – bzw. richtiger: gab es natürlich nie. Dass alles übrigens, obwohl ein Jesus sowohl die Speisegesetze als auch den Sabbat aufgehoben hatte. Und kein Verfasser der Evangelien wollte jemals etwas anders behaupten.

Man erkennt gar nicht, dass die Apostelgeschichte nur dazu dient, nach der Kreuzigung eines jüdischen Hoffnungsträgers dessen Anhänger literarisch zu entsorgen. Die ganze zuvor aufgebaute Staffage mit Jüngern und Marien ist entbehrlich geworden. Die Verfasser führen diese Anhänger sogar wieder über die Konstruktion als Judenchristen wieder ins Judentum zurück. Es gibt keine Konflikte untereinander, sondern das Ganze entfernt sich vollkommen von einer jesuanischen Botschaft. Das müsste eigentlich jedem kritischen Betrachter doch seltsam vorkommen. Josephus und Kollegen erreichen dies, indem sie eben gerade keinen Jünger, sondern einen Herrenbruder das Ruder übernehmen lassen. Steht irgendwo, dass sich irgendein Jünger gegen diese Re-Judaisierung gewandt hätte? Nein. Wie müssten sich reale Anhänger gefühlt haben, wenn zum einen ein bekannter und anerkannter Jude (Jakobus der Gerechte) – egal nun, ob als tatsächlicher Herrenbruder oder auch nur als Verwandter – und ein römischer Heide – Paulus – die Geschäfte übernahmen? Man behilft sich mit einem Erscheinen des Auferstandenen, der seinen Bruder bekehrt haben soll. Warum dies nicht der lebendige geschafft hat, zeigt nur die Verworrenheit. Ein Jünger Jakobus wurde gleich durch Hinrichtung entsorgt, der Herrenbruder vier Jahre vor Beginn des Jüdischen Krieges. Heute würde man sagen, damit war die Szene „clean“. Das Christentum hätte zu einem Zeitpunkt bestanden, bevor sich der Konflikt militärisch zuspitzte. Aber im gesamten Krieg findet dann offensichtlich nichts statt, was sich mit einer christlichen Gruppe verbinden ließe. Wäre das Christentum etwas, was mit Josephus überhaupt nichts zu tun hat, so hätte dies in seinen Geschichtswerken irgendeinen Niederschlag gefunden. Im Ergebnis entspricht dies vollkommen der herrschenden Sicht. Der Unterschied ist nur, dass man mit der herkömmlichen Sicht weder erklären kann, warum eben kein Jünger der Leiter einer Urgemeinde geworden sein soll. Selbst als echter Bruder Jakobus macht dies als Begründung in der Sache nichts her und vor allem verraten die Verfasser aufgrund ihres Hinweises auf sein hohes Ansehen auch bei Pharisäer ganz bewusst darauf, dass es da eben keine nennenswerten religiösen Differenzen gegeben habe. Wer aber den herrenbruder als leiblichen Bruder legitimiert sie, setzt sich damit unweigerlich zu katholischen Lesart in Widerspruch. Der Katholizismus kann keinen leiblichen Bruder dulden. Doch genau damit entfällt auch die Scheinlegitimation, warum er der Leiter geworden sein könnte. Was bleibt nach alledem dann von einem Jesus? So gut wie nichts. Allein ein Christus wird verherrlicht und ausgedeutet – und das ganz im römischen Sinne.

Die Tragik für die Juden beginnt damit, dass die (nur synoptischen!) Evangelien römisch-imperiale Machenschaften sind, die dazu dienen sollten, den Stolz der Juden zu brechen. Sie sollten sich weder länger für das auserwählte Volk Gottes halten, noch auf Erlösung durch einen Messias hoffen dürfen.

So sah es jedenfalls ein Flavius Josephus als Initiator des Christentums. Er war eine Zeitlang wohl Pharisäer, aber auch Kommandant im Jüdisch-römischen Krieg. Dieser Krieg fand in den Jahren 66 bis 70 statt und wurde mit der Eroberung der letzten Festung Masada im Jahr 73 auch endgültig beendet. Der Jude Josef wurde von den Römern gefangen genommen und wechselte als Kollaborateur die Seiten. Zwei Episoden werfen ein bezeichnendes Licht auf diese Persönlichkeit. Zum einen will er nach eigenen Aussagen in einem Losverfahren dem vereinbarten gegenseitigen Selbstmord entgangen sein, zum anderen will er seine Aufnahme in die römische Armee und letztendlich sogar in das Kaiserhaus seiner Vorhersage verdanken, mit der er prophezeite, dass der damalige Feldherr Vespasian demnächst Kaiser würde. Beide Geschichte sind so schön, dass jeder, der meint, etwas über den römischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus sagen zu müssen, von diesen berichtet. Es kommt zwar nicht darauf an, aber so wie ich einen Josephus kennengelernt habe, sind beide Geschichten von ihm schlichtweg erfunden, um sein Überlaufen in ein mystisches Geschehen einzubinden. Da er als Pharisäer und Angehöriger der jüdischen Obersicht sich sowohl in der Thora als auch in Philosophie und Geschichte auskannte, gibt er hier wohl die erste Probe seiner schriftstellerischen Verarbeitung. Traumdeutungen kamen schon seinem Namensvetter im Dienste des Pharao zugute – warum also nicht auch ihm? Dass auch ein Josef als Ziehvater und ein Josef als Bestatter auftreten sollten, könnte jemanden auch stutzig machen.

Mit dem Ende des Krieges und seinem Überlaufen war jedoch noch nicht alles erledigt. Die religiösen Wahnvorstellungen über das Auserwählt-sein des jüdischen Volkes und seinem befreienden Messias spukten selbstredend weiterhin und nun womöglich noch stärker in den Köpfen dieses aufrührerischen Volkes herum. Sicher hatte zu diesem Zeitpunkt Rom nichts mehr zu befürchten, aber sich darauf zu verlassen, wäre als zu leichtfertig erschienen. Dies bestätigte sich sechzig Jahre danach mit einem zweiten Jüdische Krieg. Man war militärisch überlegen und präsent, aber auch im Norden des Imperiums begannen die Kämpfe mit Germanen und in Asien drohten ebenfalls Unruhen. Konnte man also nicht den Kampfesmut und die dahinterstehende Ideologie der Juden sabotieren? Der Gedanke erscheint im ersten Moment als zu verrückt! Mit dem zweiten Gedanken – wenn man denn das denken noch nicht eingestellt hat – könnte man aber bemerken, dass das Christentum ebenfalls mit den Berichten über die Auferstehung sich auf ganz wenige Figuren überhaupt zurückführen lässt. Da mag nun jeder sein religiöses Grundwissen sortieren wie er mag: Petrus, Maria Magdalena, die Jünger – Punkt. Der Gipfel der Verlogenheit ist einzig ein Paulus mit 500 Auferstehungszeugen. Wer sich das alles einmal genauer ansieht, wird sehr schnell dahinterkommen, dass das Christentum am Anfang daraus bestand, dass der eine einem anderen Wunder und vor allem das Wunder einer Auferstehung geglaubt hat. Wie abergläubisch die einfachen Menschen der Unterschicht waren, können wir uns heute nur schwer vorstellen. Mit dem Entwurf geeigneter Texte und ein paar Agenten konnte dieser Anfang ebenfalls und in genau der gleichen Weise initiiert werden. Und genauso war es auch, wie ich in meinem Buch „Denken statt glauben – Wie das Christentum wirklich entstanden ist“ ausführlich dargelegt habe. Die gesamte Beweisführung kann ich hier aus Raumgründen nicht wiederholen. Als Beleg möge die unglaubliche Römerfreundlichkeit und auch Samariterfreundlichkeit in den Evangelien dienen. Kein einziger Römer kommt irgendwie schlecht weg – und kein Jesus predigt etwas gegen die Besatzungsmacht oder für eine Steuerverweigerung. Selbst Pontius Pilatus erregt als überforderter Statthalter eher Mitleid als gläubigen Hass. Den Hass verdienen sich nach den Texten jedoch die Juden. Und genau so sollte es schließlich auch sein.

Aber jetzt kommt das gigantische Missverständnis: Die Sabotage richtet sich gegen einen militärischen Gegner, aber nicht gegen Anhänger einer Religion! Das ist der elementare Unterschied. Die synoptischen Evangelien stammen aus dem kaiserlichen Rom. Neben dem in den Evangelien als Christus verherrlichten Titus muss man auch auf seine jüdische Geliebte Berenike hinweisen. Diese war eine Verwandte des Philo von Alexandrien, ein anderer ein ebenfalls jüdischer Überläufer Alexander Tiberius war Statthalter in Kyrene. Zwischen der römischen und der jüdischen Oberschicht gab es nie Differenzen, sondern viel Kumpanei. Umso ärgerlicher, wenn diese Freundschaften durch die Volksschichten bedroht wurden. Auch ein Kaiser Claudius war mit Agrippa befreundet. Dieser wurde von ihm sogar wieder als König in Judäa eingesetzt.

Auch damals gingen Religion und Politik schon Hand in Hand. Vermutlich war es eben eine Idee des Flavius Josephus, der zusammen mit dem Kaisersohn Titus die entscheidende Eroberung Jerusalems und die Zerstörung des Tempels erlebt hatte, diese Erlebnisse in eine religiöse Botschaft umzumünzen. Der jüdische Messias scheitert in den Evangelien für viele als Warnung und es steht ein neuer Gott-Kaiser-Sohn als Christus. Auch nur so kann man erklären, warum ein Jesus sich nur zu den Schafen Israels gesandt sah, während der auferstandene Christus die Mission der Welt in Auftrag gegeben haben soll.

Josephus verlegte seine Geschichte mit einem Jesus einfach um 40 Jahre zurück. Mit den symbolischen Jahren null, dreißig und 70 hatte er die Grundlage geschaffen, die Juden und andere Zweifler im Imperium von der Göttlichkeit der römischen Kaiser überzeugen sollte. Sein Entwurf steht mit zahllosen Aspekten in den Texten klar vor Augen. Gerade die Feindschaft zwischen Samaritaner und Juden wird entlarvend zu Lasten der Juden eingebaut. Da aber der verherrlichte Titus als Kaiser selbst nur zwei Jahre regierte und sein Bruder Domitian kein Interesse an der Verherrlichung seines wenig geliebten Bruders hatte, erledigte sich das Christentum für ihn als politische Waffe. Aber wie es hätte werden können, das führt rund zweihundert Jahre später ein Kaiser Konstantin vor. Er ergreift mit imperialer Geste das Christentum für seine Zwecke. Nicht umsonst verordnet er als inkarnierter Christus dessen Gleichstellung mit Gott. Den Heiligen Geist kann man zudem unschwer als den Geist des Imperiums ausmachen. Josephus und seine Schreibstube wären begeistert gewesen. Der nach Titus Tod glimmenden Glut bemächtigte sich nun die entstandene Kirche mit ihrem eigenen Machtanspruch. Man setzte wohl alles daran, schnellstmöglich die Spuren zu einem römisch implantierten Gottkaisertum für die Zeitgenossen zu verdrängen. Der Nutzen den dieser Glaube brachte, war für jeden Machtbesessenen oder Legitimationssuchenden zu verführerisch – bis heute. Aber genau damit begann das Missverständnis. Kein römischer Kaiser zeigte sich bis dahin in religiösen Fragen intolerant. Solange keine Exzesse, Ausschweifungen oder Unruhen entstanden, herrschte im römischen Reich bemerkenswerte Toleranz. Dies änderte sich bekanntlich erst brutal mit den ersten christlichen Kaisern, allen voran Theodosius II. nach 391, der für Anhänger anderen als dem christlichen Kult wahlweise die Todesstrafe oder Amtsverlust einführte.

Der Kampf zwischen Judentum und Christentum wurde durch die Kirche nunmehr tatsächlich zu einer rein religiösen Frage. Man goss beständig neues Öl oder gar Benzin, wenn man diese zeitgemäßen Vergleiche gestattet, ins Feuer. Aber man unterschied noch zwischen einer tatsächlichen oder vermeintlichen Rasse und einer Glaubensrichtung. Für Josephus und seine Schreiber waren die Juden ein militärischer Gegner; für die Kirche war das Judentum der religiöse Feind. Die Vorbehalte gegen konvertierte Juden verschwanden nie, aber sie wurden doch nicht so verachtet, wie die Juden nach dem Glauben.

In diese über Jahrhunderte missionierte Menschenverachtung und religiöse Intoleranz stießen dann die Nationalsozialisten mit ihrer verbrecherischen Rassenlehre. Alle Judenhasser vergessen heute, dass man Juden gar keine Chancen gelassen hatte, sich zu integrieren. Berufsverbote, Sondersteuern und vieles mehr sorgten dafür, dass Juden sich vor allem im Geldgeschäft und Handel betätigen mussten. Ihr geschäftlicher Erfolg war dann ein ums andere Mal ihr tragisches Schicksal. Schuldner, vor allem die Oberschichten, und auch dazu gehörte schon bald die Kirche selbst, sorgten dafür, dass mit den Gläubigern auch ihre Schulden verschwanden. Dass sich die Juden vor allem in diesen Berufsfeldern bewähren mussten und sichtbar waren, rief zudem den Neid der Versager, Zu-kurz-Gekommen und kriminell Veranlagten auf den Plan. So wie die Juden einst einen Sündenbock als Opfer in die Wüste schickten, so wurden sie nun selbst als Sündenböcke ermordet.

Was würden die Schreiber der Evangelien heute wohl sagen, wenn sie sehen könnten, was aus ihrer politisch motivierten Schrift geworden ist? In Gestalt einer klerikalen Botschaft beherrscht immer noch die Politik, wenn auch in anderer Form. Die Verfasser wollten mit ihrem Werk latente Unruhen in eine friedliche Botschaft umdeuten und nur brave, steuerzahlende Untertanen schaffen, aber keine Verfolgungen oder Tötungen. Aber sie wurden mit ihrer neuen Religion, die einen Gott-Kaiser-Sohn zu einem Hoffnungsträger des Imperiums machen sollte, zu den Wegbereitern von Mördern und Kriegstreibern. Ihre Manipulation mag man ihnen vorhalten, aber man sollte anerkennen, dass diese Religion tatsächlich nur zu einem friedfertigen Zusammenleben zwischen Besatzern und beherrschten Völkern führen sollte. Auch wenn dies aus Sicht der Gläubigen doch eher einem Friedhofs-Frieden gleichkam. Was nach der Abfassung der Evangelien nach dem Jahr 70 und ab Beginn des zweiten Jahrhunderts gestaltete, geht ganz allein auf das Konto einer neuen, mit Herrschern konkurrierende Macht, der katholischen Kirche, samt ihren diversen Abspaltungen. Auch diese änderten, wie insbesondere Luther beweist, in dieser Frage nichts. Ohne den gepredigten religiösen Judenhass in einem Christentum hätte es wohl niemals eine Rassenideologie mit ihren Folgen geben können.

Wer sich über diese Zusammenhänge, die Motive und die Strategie einer römischen Schreibstube und die literarische Umsetzung intensiver informieren möchte, kann dies auszugsweise auch bei Amazon (mit „Blick ins Buch“) tun.

Roland Weber

Denken statt glauben – Wie das Christentum wirklich entstanden ist, Verlag bod, 19,80 €