Christen gegen Juden

Zu den modernen Mythengehören die „gemeinsame abendländische Kultur“ und vor allem die „jüdisch-christliche Wertegemeinschaft“, die immer wieder von Politiker bemüht wird. Beides wird stets dann angeführt, wenn es gilt, islamische oder andere religiös motivierte Vorstellungen abzuwehren. Dazu ist folgendes anzumerken: Zum einen hat es gerade „das Abendland“ dem Islam zu verdanken, dass Wissen und kulturelle Errungenschaften aus einer vorchristlichen Zeit zumindest teilweise erhalten geblieben sind. Im Christentum wurden diese Erkenntnisse in Medizin und allgemein den Naturwissenschaften und auch die Vorstellung vom Wert jeglicher Bildung an sich vom aufkommenden Christentum unterdrückt, bekämpft bzw. vernichtet. Maßgeblich und ausschließlich akzeptiert wurde nur, was man aus der Bibel und insbesondere dem Alten Testament hinsichtlich der Schöpfung und im Neuen Testament gegen die Juden als „Christusmörder“ herauszulesen müssen glaubte. Am deutlichsten war der kulturelle Absturz mit dem Untergang des römischen Reichs und dann  nach der „Rekonquista“ (Wiedereroberung durch das christliche Spanien) nach 1492 zu beobachten.

Zum anderen und noch viel merkwürdiger ist der Verweis auf eine „jüdisch-christliche Kultur“. Diese gab es nur in den Anfangstagen nach der Hinrichtung eines Jesus, der von den einen als „Messias“ angesehen wurde und von den anderen eben nicht. An diesen Ausgangspunkt muss man erinnern, sonst versteht man die jahrtausendelange Diskriminierung und Verfolgung von Juden in allen abendländischen Kulturen gerade nicht. Die ersten „Christen“ sahen sich durchaus noch als Juden. Nach heutigem Verständnis wollte Jesus gerade keine neue Religion gründen. Sie unterschieden sich von anderen Juden nur dadurch, dass sie glaubten, das Reich Gottes sei durch die Auferstehung ihres Jesus bereits eingeleitet. Zu spät merkten sie, dass ein Prediger unter Berufung auf diese von ihnen geglaubte Auferstehung im hellenistischen Ausland unterwegs war und ein vollkommen neues und anderes Judentum predigte. Auch Paulus sah sich noch als Jude und nicht als Christ. Allerdings setzte er bewusst neue Akzente. Durch Geldspenden eingelullt, hatte man zu lange über die „interpretierenden“ Auffassungen dieses Predigers namens Paulus hinweggesehen. Als die Jerusalemer Gemeinde erkannte, welchen Glaubensinhalt dieser Paulus im Namen eines Judentums verbreitete, sandte man ihm Prediger hinterher, die die Gemeinden wieder auf die von Jesus übermittelten Botschaften und ins Judentum zurückführen sollten. Dieser dramatische Kampf wurde dann nicht theologisch entschieden, sondern (wie so vieles, wenn man nur gründlich genug nachforscht) ausschließlich machtpolitisch. Durch einen Aufstand, richtiger Krieg wurde Rom herausgefordert und es eroberte endgültig Judäa, zerstörte Jerusalem und den Tempel und diskreditierte alles „jüdische“. Nun war es für diese neue Religion zwingend, sich auf die falsche hellenistische „Ausbreitung“ zu berufen und alles „jüdische“ scharf zu negieren. So kam es zur absurden Darstellung über einen Pontius Pilatus, und den in den nach diesem Schicksalsjahr 70 geschriebenen Evangelien mit einer „Selbstverfluchung der Juden“ infolge des „geforderten Todes dieses Predigers Jesus“. Die Religion wurde hellenistisch/römisch. Über Jahrhunderte, gar zwei Jahrtausende, galt dies als Rechtfertigung für die Judenverfolgung, Judenverachtung, ihre Diskriminierung und auch immer wieder zu ihrer Ermordung. Vorneweg und nur gelegentlich durch „Sondersteuern“ weniger antreibend: die christliche Kirche. Wie absurd diese „Schuldfrage“ gesehen wurde, zeigt ein Vergleich mit heute: Ohne daran irgendwie als Mensch selbst beteiligt gewesen zu sein, könnte man heute jeden Deutschen aufgrund der Nazi-Vergangenheit Deutschlands als national Zugehörigen als minderwertig, zu diskriminierenden und wegen Mordes zu bestrafenden Volkszugehörigen ansehen.
Welche grausamen Folgen dieser ursprüngliche theologische Streit und die religiöse Umformung noch haben würde, die dann auch in einen hasspredigenden Luther und vor allem in einen völkermordenden Hitler „gipfelte“, erahnten die ersten Prediger und Evangelienschreiber sicherlich nicht.

Dass die Christen im ersten Schritt zu ihrer theologischen Legitimation auf die Thora und damit   die Glaubenswelt der Juden als ihr Altes Testament zurückgriffen, rechtfertigt es keinesfalls von einer „Gemeinsamkeit“ zwischen Christen und Juden als prägendem Verhältnis zu sprechen. Genauso gut könnte man Mörder und Opfer als „Tatgemeinschaft“ bezeichnen. Es gehört deshalb schon einige Unverfrorenheit, Dummheit oder Ignoranz dazu, das Verhältnis als „Gemeinschaft“ herausstellen zu wollen. Die einzig richtige Reaktion und Einschätzung wäre die, sich für die christlichen Geschichtsfälschungen, die christlichen Übergriffe und die Schandtaten zu entschuldigen, die jüdischen Verdienste, insbesondere in kultureller und naturwissenschaftlicher Hinsicht, oft als wirksame „Gegenströme“ und Bereicherung des Abendlandes zu würdigen und zu bewahren. Solange man jedoch die Wurzeln dieser Differenzen ignoriert und stattdessen von Gemeinsamkeiten redet, beleidigt man die zahllosen Opfer, die auf diese Gräben zurückzuführen sind. Auch sollte man nicht vergessen, dass diese Ursachen von beiden Seiten – Christen wie Juden – heute aus ganz unterschiedlichen Motiven heraus nicht stärker ins Bewusstsein gerückt werden. Aufrichtiges Entschuldigen für eine jahrtausendelange Miss- und Verachtung wird man kaum finden. Man tut im Rahmen der „political correctness“ so als habe einzig ein Hitler und die Nazis den Antisemitismus „aus dem Stande und dank ihrer rhetorischen Befähigung“ erfunden. Erst wenn man sich zu einer viel weitergehenden Verantwortung bekennt, kann man sich auch angemessen Reue, Einsicht und sich vor allem auch auf die Suche nach einer anderen präventiven Einstellung machen. Nur so wird man Antisemitismus tatsächlich in die Geschichtsbücher verweisen können.

Wer sich zu diesen Themen informieren möchte:
Gerhard Czermak, Christen gegen Juden, Geschichte einer Verfolgung von der Antike bis zum Holocaust, von 1945 bis heute, Verlag Rowohlt, ISBN 3 499 602164, 24,90 € 
Hyam Maccoby, Jesus und der jüdische Freiheitskampf, Ahriman-Verlag; ISBN 3-89484-501-5; 19,80 €
Hyam Maccoby, Der Mythenschmied, Paulus und die Erfindung des Christentums, Ahriman-Verlag, ISBN 978-3-89484-605-3, 19,80 €

Roland Weber
Mannheim, Aug. 2012